Fallstudie · Magazin

Wie der Perlentaucher ohne Paywall von seinen Unterstützer:innen getragen wird

Der Perlentaucher, ein Onlinemagazin für Kultur und Literatur, stellt keine Inhalte hinter eine Paywall und nahm zum Zeitpunkt des Gesprächs Ende 2021 trotzdem rund 9.000 Euro im Monat über Steady ein. Der Schlüssel ist der Newsletter mit 22.000 Abonnent:innen, über den das Team seine Leser:innen etwa zweimal im Jahr direkt um Unterstützung bittet. Als die Werbekunden in der Coronakrise absprangen, hielten diese regelmäßigen Einnahmen das Magazin.

Mit Thierry Chervel (Journalist und Gründer des Perlentauchers) · Video 39:27 · Als Podcast hören

Einnahmen über Steady pro Monat (Stand Ende 2021)
9.000 €
Unterstützer:innen bei Steady (Stand Ende 2021)
2.000
Abonnent:innen der täglichen Newsletter (Stand Ende 2021)
22.000
Mitglieder zwei Monate nach dem Start im November 2018
über 1.000

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0:00Begrüßung und Ablauf

Moderation: Wir warten noch ein bisschen, es ist ja noch nicht mal zwei. Jetzt trudeln noch ein paar ein, das ist schön. Auch an euch noch mal: Falls ihr wollt, könnt ihr gerne das Video anschalten und euch ein bisschen zeigen, dann ist hier unter uns auch ein bisschen was los.

Moderation: Ansonsten würde ich schon mal kurz etwas zum Ablauf sagen, für alle, die schon da sind, und dann trudeln hoffentlich noch ein paar ein. Wir zeichnen das Ganze auf, weil wir eine Podcast-Episode daraus machen. Hoffentlich ist das für alle in Ordnung. Wenn ihr eine Frage habt und euch meldet, seid euch bewusst, dass wir das eventuell weiter verwerten. Es wird einen offiziellen Teil geben, der aufgezeichnet wird. Der geht jetzt eine halbe Stunde. In den ersten 15 Minuten werden Thierry und ich uns ein bisschen unterhalten, ich werde ihn ein bisschen ausfragen, und danach könnt ihr eure Fragen an ihn stellen. Nach diesen 30 Minuten stoppe ich die Aufnahme. Dann können alle noch ein paar Minuten hier drinbleiben und ein bisschen informell schnacken. Habe ich etwas vergessen? Nee, ich glaube, das war es. Dann können wir loslegen.

2:09Gegründet, als die erste Internetblase platzte

Moderation: Heute beim Growth Day mit dabei: Thierry vom Perlentaucher. Du bist Journalist, du hast als Kulturredakteur lange für verschiedene Zeitungen gearbeitet, ich glaube, lange für die taz und auch für die SZ, und hast dann mit dem Perlentaucher dein eigenes Kultur- und Literaturmagazin gegründet. Das war, glaube ich, im Jahr 2000, pünktlich zur Jahrtausendwende. Da wart ihr ziemlich früh dran damit, alles online zu machen und für den Kulturjournalismus ein Onlineangebot zu schaffen. Würdest du sagen, ihr wart vielleicht sogar ein bisschen zu früh dran? Wie war das damals?

Thierry Chervel: Na ja, unser Gründungsdatum ist der 15. März 2000. Das war genau die Woche, in der der Neue Markt, ich weiß nicht, ob sich da noch jemand dran erinnert, zusammengebrochen ist. Das war genau der Moment, in dem zum Beispiel die Telekom-Aktie ihren absoluten Höchststand hatte und dann wie eine Rakete abgestürzt ist, wie der gesamte Neue Markt auch. Das heißt, eigentlich haben wir uns in dem Moment gegründet, in dem die allererste Interneteuphorie gerade brach.

Thierry Chervel: Damals war viel von den neuen Medien die Rede, oder von dieser New Economy, ich glaube, das war das Schlagwort. Das war damals noch gar nicht richtig sortiert. Wenn ihr euch daran erinnert: Da zählten sich die Medien selbst auch noch zur New Economy. Die klassischen Medien platzten damals vor Anzeigen der Start-ups. Der Spiegel hatte manchmal 400 Seiten, auch die FAZ hatte samstags 120 Seiten oder so, wegen all dieser vielen Anzeigen. Und diese ganze Euphorie, auch diese Illusion, die mit der ersten Internetblase verbunden war, die platzte gerade in dem Moment, als wir uns gründeten.

Moderation: So war es eigentlich ein bisschen schlechtes Timing?

Thierry Chervel: Nee, das war kein schlechtes Timing, weil wir im Grunde den richtigen Riecher hatten. Wir haben uns im Grunde als kleines Familienunternehmen gegründet. Wir haben uns ein bisschen Geld zusammengeliehen, um eine GmbH zu gründen, das haben wir längst zurückbezahlt. Wir sind im Grunde eine Art Currywurstbude, wir haben von Anfang an immer versucht, von unseren Einnahmen zu leben.

Thierry Chervel: Wir hatten anfangs zum Beispiel Arrangements mit, vielleicht erinnert ihr euch, BOL, dem Onlinebuchladen, den Middelhoff als Alternative zu Amazon gegründet hatte. Die haben uns für richtig viel Geld damals einige Inhalte abgekauft, die sie übrigens nie auf ihrer Seite publiziert haben. Aber damals dachte man, dass man zum Beispiel vom Verkauf von Inhalten, von der Kuratierung oder vom Weiterverkauf von Inhalten leben könnte.

5:43Ohne Kredite, und warum es den Perlentaucher gibt

Moderation: Musstet ihr diese ganzen Phasen durchmachen? War das anstrengend, und was ist davon hängen geblieben? Wo gab es wirklich große Probleme für euch? Ihr musstet euch ja auch selbst finanzieren.

Thierry Chervel: Natürlich war das am Anfang so, dass uns zum Beispiel BOL für den Kauf dieser Inhalte Preise bezahlte, die heute als vollkommen gagaesk gelten würden, weil sie viel zu hoch waren. Das ging in die Tausende. Ich kann mich auch erinnern: Als wir uns gegründet haben, hat die Süddeutsche Zeitung in dem Jahr ein kleines Banner bei uns geschaltet und dafür 16.000 Mark bezahlt. Das sind heute natürlich absolute Traumpreise. Das war wirklich Pionierzeit. Wir haben eigentlich auch ein bisschen von den Illusionen der größeren Unternehmen profitiert, die anfangs mit uns zusammenarbeiten wollten. Aber nach und nach ließ das natürlich nach, und wir mussten versuchen, realistische Einnahmequellen zu entwickeln.

Moderation: War das dann auch so, dass euch das ein gewisses Standbein geboten hat, von dem ihr zehren konntet, nachdem sich die Anfangszeit gelegt hatte und die Anzeigeneinnahmen zurückgegangen sind?

Thierry Chervel: Es gab nie eine Zeit, in der wir nicht von unseren Einnahmen gelebt haben. Wir hatten nie Kredite oder Risikokapital oder sonst irgendwas, sondern wir mussten uns immer von dem refinanzieren, was wir eingenommen haben. Ich war damals allerdings zuerst noch bei der Süddeutschen Zeitung und habe erst im Laufe des ersten Jahres gekündigt. Das war natürlich alles ganz, ganz prekär, ganz klar.

Moderation: Hast du das so erwartet? Was hast du überhaupt erwartet? Du hast gerade gesagt, du warst noch bei der Süddeutschen Zeitung. Wieso hast du dich überhaupt entschieden, den Perlentaucher zu gründen?

Thierry Chervel: Aus einem Wunsch nach Unabhängigkeit und auch aus Aufregung über dieses neue Medium. Ich fand das total interessant und aufregend. Ich hatte mich im Studium ein bisschen mit dem Buchdruck beschäftigt, und das war vielleicht auch einer der Gründe, warum wir früh verstanden haben, was für eine tiefgreifende Revolution das Internet bedeutete. Das war wirklich eine neue Ordnung, eine Neuorganisation von allem, was Inhalt ist in der Welt, so ähnlich, wie es der Buchdruck einmal war.

Thierry Chervel: Es gab da ein berühmtes Buch über den Buchdruck, nicht von Marshall McLuhan, sondern von Elizabeth Eisenstein: „The Printing Press as an Agent of Change“. Da hat sie beschrieben, was sich alles veränderte durch die Tatsache, dass es den Buchdruck als Technologie gab. Zum Beispiel, dass man Karten drucken und vervielfältigen konnte, und jede Karte war gleich, weil sie nicht mehr von Hand gemalt war. Das sind ganz viele Sachen, und ähnliche Dinge sind im Internet auch passiert. Das war uns irgendwie von Anfang an klar. Wir hatten das Gefühl, wir müssen gleich in diesem Pionierland gewissermaßen Claims abstecken. Nach einer gewissen Zeit haben wir dann allerdings festgestellt, dass wir ganz allein waren.

9:22Buchwerbung als Geschäftsmodell und der Start bei Steady

Moderation: [unverständlich] Mit so einer Vorreiterstellung schafft man es dann vielleicht auch, sich einen Namen zu machen, sage ich mal. Noch mal zurück: Im Internet passieren sehr viele Dinge, und vieles ändert sich. Du meintest, am Anfang habt ihr sehr viel durch diese Anzeigen eingenommen. Kannst du ein bisschen erzählen, wie sich das entwickelt hat? Wurde das später zum Problem? Musstet ihr euer Geschäftsmodell irgendwann infrage stellen, und was habt ihr dann gemacht?

Thierry Chervel: Wir mussten es auf realistische Beine stellen. Die Kooperation mit BOL hörte irgendwann auf. Wir haben später auch mit Amazon kooperiert. Das hat alles aufgehört, weil die alle ihre eigenen Sachen entwickelt und ganz andere Sachen gemacht haben. Wir mussten uns also auf die Nische konzentrieren, in der wir uns bewegten: den Kulturjournalismus, die kulturelle Öffentlichkeit, das Feuilletonpublikum, für das wir gewissermaßen ein Satellit im Internet waren.

Thierry Chervel: Das heißt, wir haben versucht, Formate zu entwickeln, die vor allem für die Buchverlage als Werbeformate im Internet interessant waren. Das funktioniert bis heute. Die Werbung ist nach wie vor, neben Steady, unsere wichtigste Einnahmequelle. Wir haben einige Formate für Buchwerbung im Internet entwickelt, die von den Verlagen sehr gerne angenommen werden. Dadurch gibt es bei uns auch ein Werbeumfeld, Anzeigen, die gut zu unseren Inhalten passen.

Moderation: Du hast Steady schon angesprochen. Euer Steady-Projekt kam im November 2018 dazu, das ist jetzt auch schon mehr als drei Jahre her. Kannst du kurz etwas dazu sagen, wie es zu der Entscheidung kam? Wie war das damals für euch, war das vielleicht auch ein schwieriger Schritt, und welche Hürden musstet ihr überwinden?

Thierry Chervel: Wir haben Sebastian Esser über einen gemeinsamen Freund kennengelernt und uns dann unterhalten. Die Gespräche waren sehr schnell sehr konstruktiv. Wir waren erst sehr zögerlich, aber dann haben wir uns doch darauf eingelassen. Mit Gabriel haben wir auch viel gesprochen. Dann haben wir das eingerichtet und ganz schnell gesehen, dass die Organisation des Zustroms durch Steady unheimlich professionell gemacht war.

Thierry Chervel: Wir hatten uns selbst auch schon an unser Publikum gewandt, denn der Perlentaucher hatte immer eine sehr prekäre Existenz. Es gab auch schon Leute, die uns regelmäßig freiwillig ein bisschen etwas überwiesen haben. Das war aber ganz unprofessionell organisiert. Steady hat das auf eine ganz andere Ebene gehoben, und das hat sich dann schnell entwickelt. Wir fingen vielleicht mit 2.000 oder 3.000 Euro im Monat an und stehen jetzt ungefähr bei 9.000 Euro im Monat. Wir machen die Zahlen ja auch öffentlich, das macht nicht jeder der Dienste, die mit Steady zusammenarbeiten.

Thierry Chervel: Diese Steady-Einnahmen sind für uns in doppelter Hinsicht absolut essenziell. Erstens haben sie uns wirklich abgesichert. Gerade bei so einer kleinen Struktur, wie es der Perlentaucher ist, sind regelmäßige Einnahmen das Wichtigste überhaupt. Es ist schön, wenn man mal von irgendeiner Mediaagentur ein Banner für 10.000 Euro kriegt. Das passiert vielleicht einmal im Jahr. Aber das ist es nicht, regelmäßige Einnahmen sind das Wichtige.

Thierry Chervel: Das Zweite, was Steady für uns verändert hat: Man hat ein anderes Gefühl eines Publikums als Gegenüber. Man arbeitet nicht so ins Leere hinein. Man hat das Gefühl, es gibt eine Art Community, oder wie auch immer man das nennen will, mit der man im Austausch steht und die ein Gegenüber ist. Das sind die beiden neuen Qualitäten, die Steady gebracht hat.

Moderation: Würdest du sagen, dass das eure Arbeit nachhaltig verändert hat?

13:46Steady in der Coronakrise und der Buchladen Eichendorff21

Thierry Chervel: Absolut. Es hat uns, würde ich sagen, im letzten Jahr gerettet. Die beginnende Coronakrise hat die Verlage, unsere wichtigsten Werbekunden, teilweise sehr verunsichert. Die sind teilweise wirklich von einem Moment auf den anderen abgesprungen, obwohl es manchmal jahrelange Arrangements mit uns gab, mir nichts, dir nichts, auch ohne jede Kommunikation darüber. Da haben uns diese regelmäßigen Einnahmen extrem gestützt, das muss ich wirklich sagen. So gesehen hat Steady sehr, sehr viel verändert.

Thierry Chervel: Und zweitens hat es uns erlaubt, uns weiterzuentwickeln, denn es kam ja als Einnahme hinzu. Wir waren vorher zwar prekär, aber wir existierten ja. Das heißt, wir waren flüssiger und konnten dadurch zum Beispiel unseren Internetbuchladen Eichendorff21 aufbauen, ein bisschen investieren, in den Grafiker, der uns das gestaltet hat, und so weiter. Das hat uns dann als weitere Einnahmequelle tatsächlich weiter abgestützt. Für uns war Steady wirklich ein Segen, ganz klarer Fall.

Moderation: Zu dem Buchladen kam jetzt auch direkt eine Frage im Chat. Ich weiß nicht, willst du die Frage selbst stellen, oder wurde sie vielleicht schon beantwortet? Nee, ich soll sie stellen, mache ich gerne. Die Frage ist: Konntet ihr Eichendorff21, also euren Buchladen, den ihr vor Kurzem gegründet habt, mit Steady verknüpfen?

Thierry Chervel: Ja. Wir haben ja etwa 2.000 Steady-Abonnenten. Was wir gemacht haben: Wir bieten allen, die uns bei Steady unterstützen, als Bonus an, dass alle ihre Bestellungen bei unserem Buchladen kostenfrei sind. Sonst sind Bestellungen in unserem Buchladen bis 30 Euro versandkostenpflichtig, da muss man drei oder fünf Euro oder so für den Versand zahlen. Aber für Steady-Kunden ist jede Bestellung kostenfrei. Das ist einerseits ein kleines Dankeschön und andererseits der Versuch, etwas zurückzugeben.

Thierry Chervel: Ich glaube wirklich, dass man versuchen sollte, und ich denke da auch immer wieder darüber nach, Formen zu finden, wie man die Steady-Abonnenten oder Mitglieder, wie auch immer man es nennen will, einbinden und ihnen etwas zurückgeben kann. Gerade weil wir ja keine Inhalte hinter eine Paywall stellen. Bei uns schließt man keine Inhalte auf, indem man uns abonniert, sondern das ist wirklich eine freiwillige Leistung. Deswegen ist der Buchladen auch wichtig: Die Steady-Leute wissen, sie können bei uns, in dieser Amazon-Alternative gewissermaßen, versandkostenfrei bestellen. Das ist das, was wir ihnen garantieren.

16:54Pakete, Preise und der Kontakt zu den Unterstützer:innen

Moderation: Kannst du dazu noch ein bisschen mehr sagen? Ich habe hier auch eure Steady-Seite offen, da sieht man die vier Pakete mit den unterschiedlichen Preisen, mit denen man euch unterstützen kann. Wie habt ihr das aufgestellt? Kannst du etwas zu den Preisen sagen, oder zu den Gegenleistungen, die es außer der Versandkostenfreiheit ja nicht gibt?

Thierry Chervel: Genau. Diese Pakete, muss ich sagen, waren ganz stark geprägt von der Beratung durch Sebastian Esser. Der hat uns gesagt: Man sollte monatliche Abomöglichkeiten anbieten, aber auch jahresweise, was dann ein bisschen preiswerter ist, und drei verschiedene Größen gewissermaßen, vom kleinen Obolus bis hin zur, wenn sich jemand das leisten kann, etwas größeren Unterstützung. Da habe ich mich voll und ganz auf Sebastian verlassen, und das Modell hat ja auch funktioniert.

Thierry Chervel: Was ich finde, ich weiß nicht, ob das in anderen Gesprächen schon eine Rolle gespielt hat: Eigentlich suchen wir immer noch nicht genug den Kontakt zu den Steady-Abonnenten. Man müsste eigentlich noch stärker mit ihnen kommunizieren. Vielleicht könnte man sogar plattformübergreifend Sachen machen. Ich weiß nicht, wie viele Leute ihr schon bei Steady habt, wie viele Zehntausend Leute irgendwelche Angebote bei Steady unterstützen. Kann man mit denen nicht irgendwas machen, einen Buchclub, ich weiß nicht was? Das wäre so eine Frage, die ich mir stellen würde.

Moderation: Es sind inzwischen, glaube ich, sogar schon über 150.000, die bei Publikationen abgeschlossen haben.

Thierry Chervel: Ja, ja. Da noch einen größeren Austausch zu schaffen, das ist sicher auch noch ein Schritt für die Zukunft.

19:08Spendenaufrufe und die Rolle des Newsletters

Moderation: Mich würde noch interessieren, weil du vorhin die prekäre Situation 2020 angesprochen hast, als die Krise kam und viele Anzeigenkund:innen wortlos abgesprungen sind: Du hast gesagt, ihr hattet das Glück, dass ihr durch die Steady-Mitgliedschaften schon ein bisschen abgefedert wart. Aber habt ihr auch aktiv etwas gemacht, habt ihr vielleicht auch Leute gebeten, euch weiter zu unterstützen? Ich stelle mir das schwierig vor, wenn plötzlich viele Einnahmen wegbrechen.

Thierry Chervel: Wir möchten die Leute nicht zu sehr belämmern. Aber natürlich, ich habe das gerade geschrieben: Vor Weihnachten machen wir wie alle diesen Aufruf. Das haben wir gewissermaßen von Jimmy Wales gelernt. Wir sprechen unsere Nutzer an, danken ihnen erstens noch mal für die Unterstützung und erklären zweitens noch mal, welche Möglichkeiten der Unterstützung es gibt. Die Steady-Unterstützer sprechen wir bisher vielleicht zweimal im Jahr an. Häufiger wollen wir es nicht machen.

Thierry Chervel: Unsere Situation ist ja ein bisschen anders als bei Krautreporter oder bei [unverständlich]. Die Steady-Unterstützer schalten bei uns keine Inhalte frei, sondern das ist wirklich eine freiwillige Unterstützung, im Grunde wie eine Spende. Das erfordert von uns, finde ich, auch eine gewisse Höflichkeit. Wir müssen versuchen, Neues zu entwickeln und zu verbessern und das unseren Unterstützern mitzuteilen. Aber wir haben natürlich nicht so ein Kundschaftsverhältnis, wie es zum Beispiel Krautreporter zu ihren Abonnenten haben.

Moderation: Du hast gesagt, ihr schickt ein- bis zweimal im Jahr so ein Mailing raus, in dem es um Steady geht. Wie sieht das genau aus, und kannst du ein bisschen etwas dazu sagen, wie das funktioniert? Es klappt ja wahrscheinlich gut.

Thierry Chervel: Wir schicken das praktisch an alle E-Mail-Adressen, die wir haben. Das ist auch etwas, das ich jedem empfehlen würde, der neu mit irgendeinem Internetmedium anfängt: Entwickelt einen Newsletter, legt sehr großen Wert auf den Newsletter. Für uns war der Newsletter gewissermaßen das Instrument, das uns ermöglicht hat, Steady zu integrieren. Wir haben in unseren täglichen Newslettern jetzt 22.000 Abonnenten. Damit haben wir natürlich ein wahnsinniges Potenzial, Leute anzusprechen.

Thierry Chervel: Die Newsletter-Leser sind sozusagen unsere engere Leserschaft. Man kann sagen, da der Perlentaucher auf den sozialen Medien gar nicht so präsent ist, gibt es zwei Wege, über die man den Perlentaucher erreicht. Das eine ist Google: Man findet den Perlentaucher sehr häufig, wenn man ein Buch oder einen Autor sucht. Das andere sind die Stammkunden, die unseren Newsletter beziehen und gewissermaßen unser Kernpublikum sind. Diese Leute kann man permanent ansprechen, man kann sie jederzeit ansprechen. Das heißt nicht, dass man es jederzeit tun sollte, sondern ab und an.

Thierry Chervel: Jedem, der neu etwas gründet, würde ich immer sagen: Es ist ganz, ganz wichtig, außer den Aktivitäten in den sozialen Medien, die heute unumgänglich sind, auch einen Newsletter zu entwickeln. Denn da hat man die Leute eins zu eins ansprechbar. Da sind keine Algorithmen dazwischen, keine Interessen eines Dritten und so weiter. Darum unbedingt einen Newsletter entwickeln, weil man die Leute im Newsletter auch direkt ansprechen kann, zum Beispiel, wenn man eine Steady-Anbindung hat oder plant.

Moderation: Total schön, dass du das so sagst, weil wir das auch oft sagen: dass das super wichtig ist. Anfang des Jahres haben wir dafür auch ein Newsletter-Tool gestartet, das man als Steady-Publisher super einfach in sein Projekt integrieren kann, um Kontakte zu sammeln und genau das umzusetzen, was du gerade beschrieben hast. Und lustig, vom Timing her genau passend: Roman Scheiber hat geschrieben, euer Perlentaucher-Newsletter am Mittag ist gerade hereingerauscht. Habe ich gesehen. Vielleicht auch an dieser Stelle der Hinweis: Nutzt bitte gerne den Chat oder hebt die Hand. Wir haben hier extra Zeit für euch eingeplant, damit ihr euch zeigen und etwas sagen oder fragen könnt. Ansonsten, wenn keine Frage mehr kommt, würde ich weiterfragen. Aber Frank hat eine Frage. Mach gern Video und Mikro an.

24:10Ist Kultur eine Nische?

Publikum: Man sagt ja immer ganz gerne, dass alles, was mit Kultur zu tun hat, und noch mehr, was mit Literatur zu tun hat, eine Nische ist. Ich habe viel mit Musikern zu tun, und die sagen alle: Wir werden immer gefragt, ob wir nicht für die Erfahrung auftreten wollen, ohne Honorar. Wie seht ihr das? Hattet ihr, vor allem als ihr angefangen habt, das Gefühl, ein Nischenpublikum zu bedienen, und wie ist es heute?

Thierry Chervel: Na ja, wir machen ja viel Presseschau. Wir beziehen uns also eigentlich auf die Feuilletons der überregionalen Zeitungen, inzwischen natürlich auch auf viele andere Medien, auch internationale Medien und Internetmedien. Kann man sagen, dass das ein Nischenpublikum ist? Ich finde, Nische ist als Assoziation ein bisschen zu klein. Die großen Zeitungen behaupten ja immer, sie hätten eine Million Leser oder so, sagen wir mal die Süddeutsche, die FAZ. Das ist meiner Meinung nach illusorisch.

Thierry Chervel: Aber wenn man guckt: Früher hatten sie so 300.000 Auflage. Wie viele von diesen Käufern haben das Feuilleton gelesen? Vielleicht ein Fünftel. Das war doch ein bisschen mehr als eine Nische. Wenn wir sagen, 60.000 bei so einer Zeitung wie der FAZ oder der Süddeutschen folgen dem Feuilleton wirklich aktiv mit Interesse, ich glaube, das kann man sagen, vielleicht sind es sogar ein bisschen mehr. Wer liest das Feuilleton? Ich schätze, ein ganz großes Reservoir als Leserschaft sind zum Beispiel Lehrer. Das ist doch eine große Menge an Leuten, die auch kulturell interessiert sind.

Thierry Chervel: Unsere beiden Newsletter haben 22.000 Abonnenten, unser Bücherbrief hat über 30.000, 32.000 Abonnenten. Wir sind ja nur ein kleines Medium. Ich würde sagen, das potenzielle Publikum sind schon so 500.000 Leute in Deutschland, die sich dafür interessieren könnten: die Leute, die Arte gucken, und so weiter. Das ist ungefähr die Bezugsgröße, auf die ich mich beziehen würde. Ich glaube nicht, dass das eine Nische ist. Eine Nische wäre eher, wenn man sich für bestimmte Computerspiele interessiert, nicht für Computerspiele im Allgemeinen, oder zu einer bestimmten Fanszene gehört. Aber das allgemeine, breite Kulturpublikum, die Leute gehen ja auch in die Oper oder ins Jazzkonzert, das ist mehr als eine Nische.

Moderation: So betrachtet stimmt das natürlich.

27:26Über 1.000 Mitglieder in zwei Monaten

Moderation: Ich hätte auch noch eine Frage, wenn sonst keiner mehr möchte. Ich habe vorhin noch mal nachgeschaut, wie es bei euch zu Beginn war, als ihr 2018 gestartet seid. Ich war erstaunt, dass ihr nach zwei Monaten schon direkt über 1.000, ich glaube 1.200 Mitglieder hattet. Also richtig schnell richtig viele gewonnen. Kannst du dazu etwas sagen, wie ihr da vorgegangen seid? Sicher hattet ihr schon die große Leserschaft, damit das so klappt.

Thierry Chervel: Ja, genau, das ist genau das, was ich auch glaube. Der Perlentaucher war schon lange da, wir hatten ein großes Stammpublikum, und Steady bot den Leuten eine Möglichkeit, unsere Arbeit auf eine einfache Art zu honorieren. Das war der geniale Coup an der Sache, dass das so einfach, so organisch funktioniert. Ich glaube, viele Leute hatten schon darüber nachgedacht: Eigentlich müsste man dem Perlentaucher ein bisschen was geben, der spielt eine bestimmte Rolle in der Öffentlichkeit.

Thierry Chervel: Aber wie man halt immer so ist: Man denkt, man müsste eigentlich etwas tun, aber bevor man wirklich tut, was man tun sollte, vergeht immer auch Zeit. Wenn man den Anfangswiderstand gering macht, und das hat Steady gemacht, dann macht man es einfacher. Ich glaube, das hat gezeigt, dass wir ein gewisses Potenzial haben. Aber ich kann nur wiederholen: Das bedeutet auch für jeden, der neu anfangen will, dass er sich sein Publikum kontinuierlich aufbauen muss. Er muss einen gewissen langen Atem haben, und er sollte unbedingt auf den direkten Kontakt setzen, den die E-Mail, den die Newsletter bieten, und nicht nur auf die Social-Media-Parolen hören.

Moderation: Danke für den Input. Wir sind jetzt auch schon so langsam am Ende angekommen. Wir können hier natürlich noch ein paar Minuten drinbleiben. Aber kurz an dieser Stelle der Hinweis, dass es im nächsten Raum um 14:30 Uhr, also in einer Minute, mit Esra Karakaya weitergeht. Falls ihr da zuhören wollt, wechselt unten den Raum. Aber wie gesagt, hier ist auch noch ein bisschen offen, wenn ihr noch Fragen habt. Ich weiß nicht, wie es bei dir aussieht, so fünf Minuten?

Thierry Chervel: Ja, ja, eine Viertelstunde könnte ich schon.

30:08Bauchgefühl statt Hypes

Moderation: Ich hätte vielleicht auch noch zumindest von mir eine letzte Frage. Du hast jetzt schon sehr viele Ratschläge und Tipps gegeben, unter anderem: einen langen Atem haben, eine Community aufbauen, einen Newsletter anbieten. Mich würde es trotzdem sehr interessieren, nach 22 Jahren Perlentaucher und nach einer jetzt auch schon sehr langen Zeit mit Mitgliedschaften: Gibt es noch andere Lehren oder Ratschläge für Leute, die etwas Ähnliches machen wollen? Oder, falls du das Gefühl hast, du hast schon alle Ratschläge herausgehauen: Was hat nicht geklappt, was ist vielleicht unerwartet schiefgegangen?

Thierry Chervel: Wie gesagt, wir haben schon viele Jahre Erfahrung. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man sich ein bisschen auf sein Bauchgefühl verlässt. Klar, es ist nicht jeder ein Jeff Bezos. Aber letztlich hat er ja auch nur aus einer Intuition heraus seine Garage aufgemacht, und was immer man von diesem Konzern hält, die Idee war schon richtig. Das ist genau das, was mir am Internet eingeleuchtet hat. Ich habe 1994 oder 1995, kann ich mich erinnern, einen Artikel in der ZEIT über Amazon gelesen. Das war wahrscheinlich der erste Artikel, der jemals in Deutschland über Amazon geschrieben wurde.

Thierry Chervel: Und diese Idee: das VLB, ich weiß nicht, ob ihr euch daran erinnern könnt, das Verzeichnis lieferbarer Bücher, da wart ihr wahrscheinlich noch nicht geboren. Das waren vier so dicke Bände. Wenn man ein Buch suchte und wissen wollte, ob es lieferbar ist, ob es überhaupt existiert, musste man in den Buchladen oder in die Bibliothek gehen, dieses Verzeichnis durchblättern und schauen, ob man das Buch im Buchladen bestellen konnte oder in der Bibliothek fand. Dass man das in den Computer holt und universell verfügbar macht, war natürlich eine super geniale Idee, die das Potenzial des Internets sofort erschlossen hat. Das hat Bezos da gemacht.

Thierry Chervel: Mit anderen Worten: Man sollte einerseits an seine Idee glauben und sich andererseits nicht unbedingt von diesen Hypes beeinflussen lassen, die, seit das Internet existiert, immer wieder durchs Dorf gejagt werden. Wenn wir uns überlegen: 2007 war Second Life das ganz große Ding, und die Leute dachten, jeder braucht seine Präsenz in Second Life. Manche dieser Hypes haben funktioniert, manche nicht, und welcher funktioniert und welcher nicht, kann man nicht so sagen. Facebook hat funktioniert, Second Life meiner Meinung nach letztlich nicht. Das heißt, man muss in so einer Umgebung, die sich permanent verändert, auch immer ein bisschen auf Sicht steuern und sich auf sich selbst verlassen.

33:16Ein neues Medium: Mitgliedschaft von Anfang an?

Moderation: Das finde ich ein sehr schönes Schlusswort. Aber Roman hat noch eine Frage, glaube ich.

Publikum: Ja, hallo, danke, nur kurz. Ich habe jetzt genau die umgekehrte Geschichte: Mich gibt es nicht seit 20 Jahren, sondern mich wird es in ein paar Tagen als Medium geben. Ich habe die Pakete für Steady und die Seite schon gebaut und bin schon dabei. Aber ich überlege gerade noch schwer, ob ich die Steady-Abos gleich zu Anfang als durchlässige Paywall anbieten soll, oder ob du mir davon abraten würdest.

Thierry Chervel: Doch, ich würde das machen. Da gibt es ja auch raffinierte Zwischenmodelle, bei denen es im Prinzip erst mal ziemlich offen ist. Steady ist wahrscheinlich inzwischen auch stark von Substack inspiriert, ich weiß nicht, wie das ist, Manuel. Sagt dir Substack etwas, Roman? Substack ist ja wirklich das ganz große neue Ding in den USA. Ich weiß gar nicht, ob es hier in Europa auch schon Substack-Blogs gibt. Ich weiß nicht, ob du einen Blog aufmachst oder was genau du planst.

Publikum: Ein gefördertes Medium. Ich habe eine Startfinanzierung von einer Wiener Wirtschaftsagentur. Aber ich will mittelfristig, im Unterschied zu euch, ohne Werbung nur von den Usern leben.

Thierry Chervel: Das ist natürlich immer ein kühnes Unterfangen. Eigentlich ist es dann auch wieder einfach. Wenn man an Substack denkt: Berühmte Journalisten wie Glenn Greenwald, der mit Snowden, oder Andrew Sullivan von der Rechten haben beide jetzt Substack-Blogs. Das sind beides sehr, sehr bekannte Journalisten in den Vereinigten Staaten, die sicherlich noch nie Probleme mit ihrer Miete hatten. Aber beide verdienen über Substack mehr, als sie jemals in ihrem Leben verdient haben, weil die Leute, was weiß ich, fünf oder drei Dollar im Monat dafür bezahlen, dass sie ihre Beiträge auf diesem Blog lesen können.

Thierry Chervel: Das ist im Grunde so ähnlich wie bei Steady, eigentlich genau dasselbe Modell. Das hat in den USA als Geschäftsmodell bei einigen Journalisten richtig eingeschlagen. Das funktioniert natürlich wirklich nur bei Leuten, die schon eine Followerschaft haben. Deswegen ist es für jemanden, der neu anfängt, ganz, ganz wichtig, sich ins Gespräch zu bringen. Man muss ein Modell haben, das für andere nützlich ist, sodass andere sich darauf beziehen.

Thierry Chervel: Beim Perlentaucher gab es da eine kleine, raffinierte Rückkopplung: Die Journalisten haben sich natürlich selbst gelesen, weil wir Presseschau gemacht haben, und dann irgendwann auch über uns berichtet. Es gab irgendwann einen Artikel von Gustav Seibt über uns in der Zeit, im Jahr 2000 oder 2001. Schirrmacher fand das total aufregend und so weiter. Später haben sich die Beziehungen ein bisschen verschlechtert. Aber dadurch, dass die Journalisten sich selbst bei uns vorkommen sahen, haben sie eben auch berichtet, und dadurch wurden wir dem außenstehenden Publikum bekannter. Man muss also ein bisschen schauen, dass man Strategien findet, sich bekannt zu machen.

37:17Durchlässig statt Paywall

Moderation: Darf ich da kurz etwas ergänzen, Roman, zu deiner Frage, ob es Sinn macht, direkt die Pakete freizuschalten? Ich würde auch sagen: Ja, go for it, warum nicht? Eine Sache wollte ich aber noch anmerken, die Thierry vorhin auch gesagt hat: Es ist wichtig, sich eine Community aufzubauen. Wenn man die nicht hat, gibt es auch keine Leute, die zahlen, logisch. Deswegen würde ich nur bei einer Sache aufpassen: die Inhalte direkt hinter die Paywall zu stecken, also direkt zu verlangen, dass die Leute für die Inhalte zahlen.

Thierry Chervel: Nein, nein, darauf würde ich nie kommen. Undurchlässig nicht.

Moderation: Stimmt, sagtest du, sorry.

Publikum: Genau, undurchlässig nicht. Der Gedanke war, den Leuten von Anfang an die Gelegenheit zu geben, erstens etwas beizutragen und sich zweitens daran zu gewöhnen, dass das irgendwann vielleicht etwas kosten wird. Aber auf jeden Fall ein halbes Jahr lang, ich nutze, dass ich jetzt Projektkapital bekommen habe, rein freiwillig. Das Einzige: Man sieht den schwebenden Button von Steady immer. Und wenn einen das irgendwann zu sehr nervt und man die Seite gut findet, dann wird man sich vielleicht die Abopakete ansehen.

Thierry Chervel: Genau, ja. Man muss da eine differenzierte und behutsame Strategie haben, das würde ich auch sagen.

Publikum: Thierry, wenn ich darf, schicke ich dir den Link mit dem Testzugang, falls du dich für die Seite interessierst. Das ist ein Filmportal.

Ja, mhm, also Kultur, ja. Danke für deine Netflix-Geschichte damals auf dem Perlentaucher, die entlegenen Netflix-Serien, das war sehr interessant.

Moderation: Super. Dann würde ich an dieser Stelle die Aufzeichnung stoppen. Vielen Dank, Thierry, vor allem für den spannenden Input, und allen anderen, es sind jetzt nicht mehr so viele da, danke, dass ihr da wart und zugehört habt. Noch einen schönen restlichen Growth Day.

Thierry Chervel: Alles klar, danke dir, vielen Dank.

Das kannst du übernehmen

  1. Bau früh einen Newsletter auf; er erreicht dein Kernpublikum ohne Algorithmen dazwischen.
  2. Bitte selten, aber direkt um Unterstützung: erst danken, dann die Möglichkeiten erklären.
  3. Ohne Paywall ist die Mitgliedschaft eine freiwillige Leistung; ein kleines Dankeschön, das zu deinem Angebot passt, bindet die Unterstützer:innen.
  4. Regelmäßige Einnahmen tragen ein kleines Medium besser durch Krisen als große, einmalige Werbeaufträge.
  5. Biete Pakete monatlich und jährlich an, in Stufen vom kleinen Beitrag bis zur größeren Unterstützung.

Der Perlentaucher ist ein Onlinemagazin für Kultur und Literatur. Er wertet die Feuilletons der überregionalen Zeitungen aus, inzwischen auch internationale und Internetmedien. Zu den Gründern gehört Thierry Chervel, der vorher als Kulturredakteur gearbeitet hatte, zuletzt bei der Süddeutschen Zeitung. Im Gespräch mit Steady erzählt er, wie das Magazin seit mehr als 20 Jahren ohne Kredite auskommt und welche Rolle seine Unterstützer:innen dabei spielen. Das Gespräch fand gut drei Jahre nach dem Start bei Steady im November 2018 statt, also Ende 2021. Alle Zahlen stammen aus dieser Zeit.

Ausgangslage: Ein Magazin, das von seinen Einnahmen lebt

Gegründet wurde der Perlentaucher am 15. März 2000, in der Woche, in der der Neue Markt zusammenbrach. Chervel hält das trotzdem für kein schlechtes Timing. Das Team gründete sich als kleines Familienunternehmen, lieh sich etwas Geld für die GmbH und zahlte es längst zurück. Chervel vergleicht den Perlentaucher mit einer Currywurstbude, die von Anfang an von ihren Einnahmen leben musste. Kredite oder Risikokapital gab es nie.

In der Anfangszeit zahlten große Unternehmen Preise, die Chervel heute „gagaesk“ nennt. Der Onlinebuchladen BOL kaufte Inhalte für Tausende, die er nie veröffentlichte. Die Süddeutsche Zeitung schaltete im ersten Jahr ein kleines Banner für 16.000 Mark. Als diese Quellen versiegten, konzentrierte sich der Perlentaucher auf sein Publikum aus dem Kulturjournalismus und entwickelte Werbeformate für Buchverlage. Diese Werbung ist neben Steady bis heute die wichtigste Einnahmequelle.

Die Existenz blieb trotzdem prekär. Einzelne Leser:innen überwiesen schon vor Steady regelmäßig kleine Beträge, organisiert war das nicht. Über einen gemeinsamen Freund lernte das Team Sebastian Esser kennen. Nach anfänglichem Zögern startete der Perlentaucher im November 2018 bei Steady.

Was sie gemacht haben

Keine Paywall. Beim Perlentaucher schaltet niemand Inhalte frei, wenn er zahlt. Chervel versteht die Unterstützung als freiwillige Leistung, ähnlich einer Spende. Daraus leitet er eine Pflicht zur Höflichkeit ab. Das Team will die Leser:innen nicht ständig bedrängen, sondern ihnen zeigen, was es neu entwickelt und verbessert.

Ein Dankeschön, das zum Angebot passt. Der Perlentaucher betreibt den Buchladen Eichendorff21. Wer über Steady unterstützt, bestellt dort versandkostenfrei. Alle anderen zahlen bei Bestellungen bis 30 Euro drei oder fünf Euro Versand. Chervel nennt das ein kleines Dankeschön und den Versuch, etwas zurückzugeben.

Pakete nach Beratung. Die Pakete hat das Team nach dem Rat von Sebastian Esser angelegt: monatlich und jährlich buchbar, jährlich etwas günstiger, in drei Größen vom kleinen Obolus bis zur größeren Unterstützung. Auf der Steady-Seite zählte die Moderation zum Zeitpunkt des Gesprächs vier Pakete.

Seltene, direkte Aufrufe. Etwa zweimal im Jahr schreibt der Perlentaucher an alle E-Mail-Adressen, die er hat, zum Beispiel vor Weihnachten. Das Vorbild ist Jimmy Wales: Der Aufruf dankt zuerst für die Unterstützung und erklärt dann, welche Möglichkeiten es gibt. Öfter will das Team nicht fragen.

Der Newsletter als Werkzeug. Auf Social Media ist der Perlentaucher kaum präsent. Leser:innen kommen über zwei Wege. Viele finden ihn über Google, wenn sie ein Buch oder einen Autor suchen. Das Kernpublikum bezieht die Newsletter. Die täglichen Newsletter hatten zum Zeitpunkt des Gesprächs 22.000 Abonnent:innen, der Bücherbrief rund 32.000. Für Chervel war der Newsletter das Instrument, das die Mitgliedschaft überhaupt möglich machte. Dort erreicht das Team seine Leser:innen eins zu eins, ohne Algorithmen und ohne die Interessen Dritter.

Was es gebracht hat

Der Start ging schnell. Nach zwei Monaten hatte der Perlentaucher laut Moderation über 1.000 Mitglieder, genannt wurden rund 1.200. Chervel erklärt das mit dem treuen Stammpublikum. Viele hätten schon lange gedacht, sie müssten dem Perlentaucher etwas geben, es aber aufgeschoben. Steady habe den Anfangswiderstand gesenkt.

Die Einnahmen über Steady lagen am Anfang bei 2.000 bis 3.000 Euro im Monat. Ende 2021 waren es rund 9.000 Euro im Monat von etwa 2.000 Unterstützer:innen. Der Perlentaucher macht diese Zahlen öffentlich.

Chervel sieht zwei Wirkungen. Die erste ist Sicherheit. Für eine kleine Struktur seien regelmäßige Einnahmen das Wichtigste überhaupt. Ein Banner für 10.000 Euro von einer Mediaagentur komme vielleicht einmal im Jahr, darauf könne man nicht bauen. Wie wichtig das ist, zeigte sich mit Beginn der Coronakrise. Buchverlage, die wichtigsten Werbekunden, sprangen teils von einem Tag auf den anderen ab, ohne Erklärung und nach jahrelanger Zusammenarbeit. Die Steady-Einnahmen hätten den Perlentaucher in dieser Zeit gerettet, sagt Chervel.

Die zweite Wirkung betrifft die Arbeit selbst. Das Team arbeitet nicht mehr ins Leere, sondern hat ein Publikum als Gegenüber, mit dem es im Austausch steht. Außerdem verschaffte das zusätzliche Geld Spielraum. Der Perlentaucher konnte in den Buchladen investieren und einen Grafiker bezahlen. Eichendorff21 ist inzwischen eine weitere Einnahmequelle.

Zufrieden ist Chervel nicht mit allem. Das Team suche noch zu wenig Kontakt zu seinen Unterstützer:innen und müsste mehr mit ihnen kommunizieren. Er denkt über gemeinsame Angebote nach, etwa einen Buchclub.

Was du übernehmen kannst

  • Fang mit dem Newsletter an. Chervels wichtigster Rat an alle, die neu gründen: Neben Social Media brauchst du einen Newsletter, weil du dort dein Publikum direkt erreichst. Wie du einen startest, steht im Kurs Newsletter starten und Geld verdienen.
  • Frag selten, aber persönlich. Zwei Aufrufe im Jahr reichen dem Perlentaucher. Erst danken, dann erklären.
  • Wähle ein passendes Dankeschön. Wenn alle Inhalte kostenlos bleiben, such eine kleine Geste, die zu deinem Angebot passt. Welche Gegenleistungen sich lohnen, klärt die Lektion Welche Gegenleistungen gehören in deine Mitgliedschaft?
  • Mach den Einstieg leicht. Viele wollen zahlen und schieben es auf. Monatliche und jährliche Pakete in mehreren Stufen helfen, siehe Pakete gestalten.
  • Plane für die Krise. Regelmäßige Beiträge vieler Menschen sind verlässlicher als einzelne große Werbeaufträge. Wie Spende, Abo und Mitgliedschaft zusammenhängen, erklärt Membership-Modell: Wie funktionieren Mitgliedschaften?

Im Gespräch fragte ein Teilnehmer, der kurz vor dem Start eines eigenen Filmportals stand, ob er gleich mit Mitgliedschaften beginnen solle. Chervel riet dazu, aber ohne undurchlässige Paywall. Der Teilnehmer wollte ein halbes Jahr lang rein auf freiwillige Beiträge setzen. Chervel nannte das eine differenzierte und behutsame Strategie. Wer neu anfängt, müsse sein Publikum kontinuierlich aufbauen und einen langen Atem haben. Hilfreich sei ein Angebot, das anderen nützt und auf das sie sich beziehen. Beim Perlentaucher war das die Presseschau, über die Journalist:innen das Magazin bekannt machten. Und Chervel rät, auf das eigene Bauchgefühl zu hören, statt jedem neuen Trend im Netz hinterherzulaufen.

Häufige Fragen

Wie finanziert sich der Perlentaucher?

Zum Zeitpunkt des Gesprächs Ende 2021 hatte der Perlentaucher zwei wichtige Einnahmequellen: Werbung, vor allem von Buchverlagen, und Unterstützer:innen über Steady. Dazu kam der eigene Buchladen Eichendorff21. Kredite oder Risikokapital hat das Magazin laut Thierry Chervel nie aufgenommen.

Hat der Perlentaucher eine Paywall?

Nein. Wer den Perlentaucher über Steady unterstützt, schaltet keine Inhalte frei. Thierry Chervel vergleicht die Unterstützung mit einer Spende. Als Dankeschön bestellen Unterstützer:innen im Buchladen Eichendorff21 versandkostenfrei.

Wie viel verdient der Perlentaucher über Steady?

Nach dem Start im November 2018 waren es nach Thierry Chervels Erinnerung 2.000 bis 3.000 Euro im Monat. Zum Zeitpunkt des Gesprächs Ende 2021 waren es rund 9.000 Euro im Monat von etwa 2.000 Unterstützer:innen. Der Perlentaucher veröffentlicht diese Zahlen selbst.

Wie oft sollte ich meine Leser:innen um Unterstützung bitten?

Der Perlentaucher bittet seine Leser:innen etwa zweimal im Jahr per E-Mail um Unterstützung, unter anderem vor Weihnachten. Häufiger will das Team es nicht, weil die Unterstützung freiwillig ist. Jeder Aufruf dankt zuerst und erklärt dann die Möglichkeiten.

Die Methoden dahinter

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