Fallstudie · YouTube-Kanal

Wie Steinwallen alle Videos kostenlos zeigt und seine Unterstützer:innen mit einer Gemeinschaft bindet

Stephan Bliemel macht seit 14 Jahren als Steinwallen YouTube-Videos über Spiele mit historischem Hintergrund. Alle Videos bleiben kostenlos, Sponsoren lehnt er ab. Wer ihn unterstützt, bekommt Zugang zu Steinwallens Lager, einem geschlossenen Discord-Server mit Treffen zweimal im Jahr. Zum Zeitpunkt des Gesprächs zahlen ihm nach seiner Schätzung rund 800 Menschen auf Patreon und Steady, und die Zahl schwankt kaum.

Mit Stephan Bliemel (Let's Player und Streamer, macht den YouTube-Kanal Steinwallen – Games & History) · Podcast 36:34

Abonnent:innen auf dem YouTube-Hauptkanal (zum Zeitpunkt des Gesprächs, 2026)
117.000
Unterstützer:innen auf Patreon und Steady zusammen, mit mindestens 5 Euro oder 5 Dollar (Schätzung, 2026)
ca. 800
pro Woche für die Mitglieder-Community, bei etwa 50 Arbeitsstunden (Schätzung im Gespräch)
5–10 Std.
Teilnehmende bei der letzten SteinCon, dem Treffen der Unterstützer:innen (zum Zeitpunkt des Gesprächs)
knapp 70

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0:00Steinwallen: Strategiespiele mit Geschichte

Justus Mache: Hallo zu einer neuen Folge des Steady-Podcasts. Heute begrüße ich Stephan Bliemel alias Steinwallen. Mit Stephan spreche ich heute über sein Mitgliedschaftsprojekt, aber auch darüber, wie es sich in seine übrigen Inhalte und Produktionen einfügt. Dazu möchte ich ihn zuerst natürlich begrüßen. Stephan, hallo!

Stephan Bliemel: Hallo Justus, vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr.

Justus Mache: Ich kenne Stephan privat und seine Inhalte auch schon länger. Stephan, vielleicht kannst du für die Hörenden kurz sagen: Ich kenne dich von YouTube. Woher kann man dich kennen, und wofür bist du berühmt?

Stephan Bliemel: Berühmt?

Justus Mache: Berühmt, doch, doch, das steht.

Stephan Bliemel: Du kennst mich von YouTube. Das ist auch meine Hauptplattform, dort bin ich schon ziemlich lange, seit 14 Jahren. Darüber reden wir bestimmt gleich. Ich bin auch auf Twitch als Livestreamer unterwegs, aber schwerpunktmäßig auf YouTube. Dort kennt man mich als Steinwallen, das ist mein Nickname. Ich habe mich auf Spiele mit historischem Hintergrund spezialisiert, aber nicht nur, ich gehe damit relativ locker um. Das ist mein Schwerpunkt. Ich habe Geschichte und Germanistik studiert und hatte schon immer vor allem Lust auf Spiele, die einen historischen Hintergrund haben.

Stephan Bliemel: Was mache ich auf YouTube? Vor allem klassische Let's Plays, die teilweise ein bisschen aus der Mode gekommen sind, also Longplays von Spielen. Viele Strategiespiele. Dabei geht es mir nicht darum, das Spiel zu min-maxen, also zu optimieren, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen und in die Welt einzutauchen. Aber auch City-Builder, Aufbauspiele und sehr gern Storygames, Rollenspiele und Ähnliches. Im Prinzip das Gleiche mache ich im Livestream auf Twitch, da bin ich einmal, anderthalbmal die Woche aktiv.

1:58Vom Pressesprecher zum Let's Player

Justus Mache: 14 Jahre, da hat man vielleicht noch die eine oder andere Erinnerung. Als du angefangen hast, Inhalte auf YouTube hochzuladen: War das gleich mit dem Gedanken verbunden, das zu monetarisieren oder eine Karriere zu starten? Oder war das zunächst nur Interesse? Das Studium, die neue digitale Welt der Videos und dann noch Gaming, das ist ja schon eine Verbindung.

Stephan Bliemel: Nein, absolut nicht. Das hatte einen reinen Hobbyhintergrund. Man muss dazu sagen, dass ich nicht direkt nach dem Studium eingestiegen bin. Ich habe erst einmal eine Art bürgerlichen Beruf ergriffen. Ich war fünf Jahre lang Pressesprecher im Finanzministerium in Mecklenburg-Vorpommern. Nach einer Legislaturperiode hatte ich keine Lust mehr, bin dort im Prinzip beurlaubt ausgeschieden und habe mich selbstständig gemacht. Ich war als Autor tätig, habe einen Verlag gegründet, ein bisschen Satz und Layout gemacht und ein kleines Café hier in meinem Ort betrieben. Man sieht: Ich war ein bisschen auf der Suche nach dem, was ich eigentlich machen könnte.

Stephan Bliemel: Nebenbei habe ich rein hobbymäßig YouTube gestartet, weil es mich interessiert hat. Ich habe damals schon recht intensiv Let's Plays geschaut, vor allem von Spielen, die ich selbst nicht spiele, Action-Adventures oder Horrorspiele, die mir zu gruselig sind, deren Geschichte mich aber interessiert hat. Dann habe ich geschaut, was es bei den Spielen gibt, die ich selbst spiele, also Grand-Strategy-Spiele. Da gab es ein bisschen was, und das fand ich alles ganz schrecklich. Da habe ich gesagt: Nein, die versauen mir meine Spiele, jetzt mache ich das selbst.

Justus Mache: Auch um Interessierten zu zeigen: Es muss nicht auf dem Niveau sein, das es bisher gibt, man kann den Leuten Lust auf dieses Genre machen?

Stephan Bliemel: So könnte man es sagen. Wobei ich, glaube ich, nie einen richtigen Zweck dahinter gesehen habe. Ich hatte einfach Lust, das Erzählerische herauszuholen. Das habe ich früher auch für mich selbst gemacht, oder in der ersten Phase des Internets, als die Foren noch stark waren. Da habe ich After-Action-Reports geschrieben. Klar, man sucht dafür auch ein Publikum, aber eigentlich war es erst einmal Selbstverwirklichung.

4:24Ein Name aus dem Forum und stetiges Wachstum

Justus Mache: Hast du direkt mit dem Namen Steinwallen angefangen, oder gab es in den letzten 14 Jahren ein Rebranding?

Stephan Bliemel: Nein, da habe ich Glück gehabt, denn der Name war nie darauf ausgerichtet. Wie bei vielen meiner Generation sind die Nicknames in der ersten Phase des Internets entstanden. Auch hier kommen wieder die Foren ins Spiel: Irgendwann musste man sich anmelden und sich einen Forennamen ausdenken. Ich wollte mich Wallenstein nennen, ehrlich gesagt ohne besonderen Hintergrund. Der Name war aber schon vergeben, also habe ich ihn ganz clever umgedreht und mich Steinwallen genannt. Wirklich nur aus einer absurden Laune heraus. Später hat sich das als sehr cool herausgestellt, weil es ein relativ eingängiger Name ist. Und er ist einmalig. Es gibt niemanden, der so heißt, und dadurch ist er für Suchmaschinen ziemlich optimal.

Justus Mache: Und ein Steinwall passt in Grand Strategy ab und zu auch hinein, oder?

Stephan Bliemel: Ja, genau.

Justus Mache: Wenn wir uns deinen YouTube-Kanal anschauen, wahrscheinlich deinen reichweitenstärksten Kanal: Wo stehen wir da ungefähr, bei wie vielen Abonnent:innen?

Stephan Bliemel: Ich glaube, auf dem Hauptkanal bei 117.000.

Justus Mache: Okay, wow, wahnsinnig.

Stephan Bliemel: Genau. Und ich habe noch einen zweiten Kanal, Steinwallen Uncut, wo ich meine Streams hochlade. Da bin ich, glaube ich, bei 25.000 oder so.

Justus Mache: 25.000. Okay. Wie war der Beginn? Haben deine Inhalte und der Algorithmus dir sehr geholfen, die Leute zu finden? Oder dümpelte es, in Anführungszeichen, die ersten zwei, drei Jahre so herum, und dann gab es ein konstantes Wachstum bis zu den 117.000 heute? Wie hast du deine Anfangsjahre in Erinnerung, was die Reichweite angeht?

Stephan Bliemel: Ich habe nie so ein Erlebnis gehabt wie manche andere Creator, die mit einem Spiel oder einem Moment nach oben geschossen sind. Ich hatte über die Jahre, glaube ich, immer ein konstantes Wachstum. Am ersten oder zweiten Tag hatte ich ein oder zwei Abonnenten, nach einem Monat 30, nach zwei oder drei Monaten 100.

Justus Mache: Okay.

Stephan Bliemel: Und nach einem Jahr hatte ich schon fast 1.000 Abonnenten. Es ging relativ linear hoch. Gut, die Mathematiker würden jetzt sagen, linear kann es nicht sein, das muss auch ein bisschen exponentiell sein. Aber du weißt, was ich meine: Es gab nie einen richtigen Wendepunkt. Später habe ich aber gemerkt: Wenn bestimmte wichtige Spiele herauskommen, die für meine Zielgruppe Relevanz haben, merkt man immer einen Schub. Ich bin ja sehr stark aufs Gaming ausgerichtet. Wenn ich diese neuen, interessanten Titel präsentiere oder Let's Plays dazu starte, dann geht es deutlich hoch.

7:21Überlastung und der gelöschte Kanal

Justus Mache: Wo war der Punkt, an dem du gesagt hast: Ich habe hier ein Café, einen Verlag, all diese verschiedenen Sachen, und jetzt könnte ich langsam versuchen, mehr Augenmerk auf YouTube zu legen und unter Umständen damit Geld zu verdienen?

Stephan Bliemel: Der Punkt hat tatsächlich mit der Krisensituation zu tun. Anfangs hatte ich das rein hobbymäßig gemacht, und wegen der anderen Projekte hatte ich extrem viel zu tun. Das wurde auch alles immer größer. Wenn man aus einem Angestelltenverhältnis in die Freiberuflichkeit geht, hat man tendenziell das Gefühl, jedenfalls hatte ich es, dass man nicht faulenzen darf, sondern sich ranhalten muss. Dann beutet man sich ganz schön hart aus.

Justus Mache: Ja.

Stephan Bliemel: Deshalb habe ich mir YouTube immer nur als Hobby erlaubt. Damit das in den Tag passte, bin ich manchmal um fünf Uhr früh aufgestanden und habe vor allen anderen Dingen eine Stunde aufgenommen. Je größer das wurde, desto höher wuchsen die Erwartungen und Ansprüche der Zuschauer, das habe ich gemerkt. Das hat mich zunehmend gestresst, richtig gestresst. Ich habe auch gemerkt, dass ich im Kopf vor allem mit diesen Aufnahmen beschäftigt war, während ich eigentlich etwas anderes hätte machen müssen. Ich wollte ja ein Buch schreiben, und das hat mich total abgelenkt. Dann habe ich sehr radikal den Kanal gelöscht.

Justus Mache: Oh, wow.

Stephan Bliemel: Ja, und ich bin drei, vier Monate lang komplett ausgestiegen. Dann habe ich nach und nach gemerkt, dass Leute mich im Internet gesucht haben. Das war ein Schlüsselmoment, in dem ich dachte: Krass, das hat nicht nur mit mir zu tun, offenbar gibt es da schon eine Community oder Leute, denen das wichtig war. Da bin ich ins Grübeln gekommen und habe überlegt, ob ich nicht gerade das kaputt gemacht habe, worin ich vielleicht am besten war. Ich bin in Zweifel geraten und habe den Kanal wieder angemeldet. Witzigerweise löscht YouTube das nicht. Wenn du ihn wieder anmeldest, ist alles wieder da. Alle Videos waren wieder da, und alle Abos der Zuschauer waren wieder da. Ich weiß nicht, ob das heute noch so ist. Das war ein großes Glück.

Stephan Bliemel: Dann habe ich mit Veränderungen weitergemacht und das Kanalkonzept verändert. Das ging noch ein Jahr so, in dem ich immer sehr wenig gemacht habe. Dann habe ich mir überlegt: Wenn das schon eine Leidenschaft ist und vielleicht erfolgreich werden kann, dann kannst du es in deine freiberufliche Tätigkeit integrieren und als Teil deines Berufs anerkennen. Dann habe ich einiges umstrukturiert. Bald darauf kam, glaube ich, auch der Moment, in dem ich mit Crowdfunding angefangen habe. Das muss ungefähr vor zehn Jahren gewesen sein, ich weiß es nicht mehr genau.

10:17Aus dem Hobby wird ein Beruf

Justus Mache: Nur noch eine kurze Zwischenfrage. Wenn du sagst, du hast umstrukturiert: Heißt das, du hast mehr Zeit in die Produktion der Videos gesteckt und andere Sachen abgeschaltet? Oder hast du dir noch weniger Schlaf gegönnt und eine Kaffeemaschine gekauft, um noch länger wach zu bleiben? Wie sah die Umstrukturierung aus?

Stephan Bliemel: Das war ein fließender Prozess. Erst einmal war das Mindset wichtig. Ich habe mir gesagt: Das ist jetzt nicht mehr Hobby, sondern Teil meiner Arbeit. Damit ist es auch Arbeitszeit, und die kann ich in meinen Tag integrieren. Dann habe ich in einem Prozess, der über vier, fünf Jahre lief, Stück für Stück alles beendet, was ich dir gerade erzählt habe und was ich nebenbei gemacht habe, durchaus nicht ohne Erfolg. Ich habe kein Layout mehr für andere gemacht. Ich habe mein Buch fertig geschrieben. Ich habe irgendwann meinen Verlag eingestellt, das Café geschlossen und so weiter. Das hing aber auch mit dem zunehmenden Erfolg des Crowdfundings zusammen, bis es nach und nach in diese Rolle hineinwachsen konnte. Das eine hat quasi das andere verdrängt. Und ich habe auch umstrukturiert, was ich dort mache.

Justus Mache: Eine ganz letzte Frage noch, die ein bisschen vorgreift. Als du deinen Kanal gelöscht hast, hast du das angekündigt? Wussten die Leute, dass die Videos wegkommen? Hast du gesagt: Ihr habt noch drei Tage Zeit, euch alles anzuschauen? Oder war es auf einmal weg?

Stephan Bliemel: Nein. Das klingt jetzt ein bisschen übertrieben, aber ich war wirklich schon in einer Art persönlicher Krise. Dann will man einen harten Schnitt machen. Ich habe auch gar nicht realisiert, dass das eine Relevanz für andere Menschen hat. Das würde ich heute natürlich komplett anders machen. Für mich war das relativ anonym. Ich hatte noch keinen wirklichen Kontakt zur Community. Deshalb habe ich gesagt: Jetzt ist Schluss, jetzt nicht lange herumjammern. Anders überlegt man sich das, wenn Leute reagieren.

Stephan Bliemel: Als ich den Kanal wieder gestartet habe, habe ich ein aus heutiger Sicht etwas melodramatisches Video gemacht. Es hieß „Steinwallens Tod“, angelehnt an das Schiller-Drama „Wallensteins Tod“. Sehr intellektuell, dachte ich, habe ich da Bezug genommen. Darin habe ich im Nachhinein, als ich den Kanal wieder eröffnet habe, erklärt, warum ich das gemacht habe.

13:01Patreon als Vorbild

Justus Mache: Sehr gut. Dann lass uns jetzt endlich zu deinem Crowdfunding kommen. Du hast gesagt, nach ein, zwei Jahren wolltest du den Leuten die Möglichkeit geben, dich zu unterstützen. Formulieren wir es so. Wie war deine Denke, als du da herangegangen bist? Was hast du dir davon erwartet? Wie hast du es kommuniziert? Und kannst du sagen, welches Jahr das ungefähr war? Für die Hörenden: Wir sind jetzt im Jahr 2026.

Stephan Bliemel: Es ist zehn Jahre her, es muss also 2016 oder 2017 gewesen sein, ich bin mir nicht ganz sicher. Euch gab es da jedenfalls noch nicht. Es gab Patreon als neue, aufstrebende Plattform. Vorher gab es schon so etwas wie Kickstarter, aber das waren einmalige Projektfinanzierungen. Irgendwann kam Patreon mit der Idee um die Ecke, dass man Kreative regelmäßig unterstützen kann. Das war schon eine geniale Idee. Ich glaube, Patreon war ursprünglich vor allem für Musiker oder Bands gedacht und hat sich dann relativ schnell ausgeweitet.

Stephan Bliemel: Ich hatte damals, ich bin mir nicht mehr sicher, 3.000, 4.000 Abonnenten. Das war wirklich nicht groß. Wobei das in der Nische, in der ich damals unterwegs war und die noch deutlich kleiner war als heute, nicht irrelevant war, sagen wir es so. Und ich habe bei einem Kollegen gesehen, er heißt Gerugon, den gibt es immer noch, der macht ganz nette Longplay-Let's-Plays von Storygames und Strategiespielen, dass er als einer der ersten Let's Player Patreon hatte. Er hatte damals 9.000 Abonnenten oder so, also nicht wahnsinnig viel mehr als ich.

Justus Mache: Ja.

Stephan Bliemel: Und mit diesen 9.000 Abonnenten hatte er immerhin ein Patreon-Einkommen von etwa 1.000 Euro. Da habe ich mir gedacht: Wow, das ist ja in Reichweite. Offenbar kann man tatsächlich ein bisschen davon leben, wenn man diesen Weg geht. Das war mein Vorbild. Dann habe ich überlegt, wie ich das gestalte, und mir ein Konzept mit Zielen gemacht. Das kann man dort einrichten: Ab, was weiß ich, 400 Dollar gibt es das und das.

Stephan Bliemel: Jetzt wird es ein bisschen kompliziert, du hast ja mehrere Fragen gestellt. Erstens: Wie habe ich das kommuniziert? Der Grund, warum Leute mich dort unterstützen, und wie ich das kommuniziere, hat sich ein bisschen gewandelt, wenn nicht grundlegend. Damals habe ich ein Konzept entwickelt, in dem ich gesagt habe: Ich verbinde Gaming mit Themen jenseits des Gamings, mit historischen Themen, biete Hintergrundinformationen, lasse Literatur einfließen und so weiter. Ich habe das ganze Thema geöffnet und gesagt: Das ist etwas anderes als der normale Gaming-Content, den man bisher sieht. Etwas, das möglicherweise eher in meiner Nische interessiert und sich nicht von selbst finanziert. Wenn ihr diesen etwas besonderen Weg unterstützen wollt, gibt es hier die Möglichkeit. Dann habe ich verschiedene Stufen eingerichtet, was ich ab welchem Beitrag alles mache.

16:34Unabhängig von der Industrie, alles öffentlich

Stephan Bliemel: Gleich vorweg: Im Prinzip ist das noch ähnlich. Aber weil sich YouTube und überhaupt die Creator-Szene spezialisiert haben, haben sich bei mir diese externen Themen, die historischen Exkurse, etwas reduziert. Ich mache immer noch einmal im Jahr eine Videoreise zu einem interessanten historischen Ort. Aber es gibt auch wahnsinnig gute History-Content-Creator. Wenn man sich nicht spezialisiert, fällt man ein bisschen zurück und hat nicht das Niveau, das man haben möchte. Wie auch immer: Es ist immer noch der größere Ansatz, aber er hat sich ein bisschen verschoben, in Richtung: Ich bin komplett unabhängig. Ich mache zum Beispiel keine Sponsorings, keine Placements, ich habe kein Management und keine Agentur. Dadurch bin ich völlig frei. Ich bin unabhängig von der Industrie und mache das, was mir Spaß macht. Das honorieren die Leute. Darüber läuft jetzt, glaube ich, in gewisser Weise auch die Unterstützung, weil man sagt: Okay, er verzichtet auf diesen Teil der Einnahmen, dafür gibt es den anderen Teil.

Justus Mache: Sehr gut. Das war übrigens wie aus unserem Marketing-Lehrbuch.

Stephan Bliemel: Ist das so? Ich habe mich nie mit irgendwelchen Theorien beschäftigt. Ich habe mir das immer in meinem stillen Kämmerlein überlegt und auch mit niemandem darüber geredet. Und irgendwie hat es funktioniert.

Justus Mache: Ja. Wir sehen uns als die Plattform für unabhängige Medienmacher:innen. Genau das, was du sagst: Ich möchte keine Sponsorings, oder ich würde gern darauf verzichten, sagen wir es so. Niemand, der so etwas trotzdem macht, ist ein böser Mensch. Aber ich möchte das nicht. Ich möchte das machen, worauf ich Lust habe. Und wenn mich dabei Leute unterstützen, dann wollen die das auch. Das ist genau der Idealfall, den du gerade beschrieben hast. Deshalb vielen Dank für dieses Zitat.

Justus Mache: Eine kurze Anschlussfrage, vielleicht erinnerst du dich: Die Inhalte am Anfang waren aber alle nicht exklusiv, sondern von den Unterstützenden finanziert, und alle konnten sie sehen?

Stephan Bliemel: Das ist bis heute ein Grundprinzip von mir. Bei mir gibt es keine Inhalte hinter einer Paywall, alles ist immer öffentlich.

18:54Steinwallens Lager: Discord, Exkursionen und SteinCon

Stephan Bliemel: Aber, ein kleines Aber: Ich habe mir trotzdem überlegt, was ich meinen Unterstützern jenseits der Inhalte Gutes tun kann. Manche arbeiten mit Gimmicks oder mit etwas, das sie herstellen und verschicken. Das fand ich nie so toll. Ich habe etwas entwickelt, das, so angeberisch es klingt, bis heute in dieser Form einmalig ist, jedenfalls habe ich das Gefühl. Ich habe Steinwallens Lager gegründet, auch wieder nach einem Schiller-Drama, „Wallensteins Lager“. Das war früher eine Art exklusives Forum, heute ist es ein exklusiver Discord-Server. Zugang bekommt man nur, wenn man Supporter ist, und man verliert ihn, wenn man kein Supporter mehr ist. Das ist nicht einfach ein Forum oder ein Discord-Server, sondern eine kleine Welt geworden, eine wirklich starke Community, in der ganz viel stattfindet.

Stephan Bliemel: Das Zentrale: Ich habe gleich mit Exkursionen angefangen, die ich organisiert habe. Ich habe gesagt: Wenn ihr dabei seid, organisiere ich für euch einmal eine Exkursion. Wir fahren zu einem historisch interessanten Ort, schauen uns das an und verbringen drei schöne Tage miteinander.

Justus Mache: Wow.

Stephan Bliemel: Das war schon sehr erfolgreich. Was heißt sehr erfolgreich: Es ging los mit 16 Leuten in Lübeck. Aber es wurden von Jahr zu Jahr mehr, auch die Crowdfunder wurden von Jahr zu Jahr mehr. Irgendwann wurde das so groß, dass ich es mit Bordmitteln nicht mehr gut organisiert bekam. So eine Exkursion hat ihre Grenzen. Wenn du mit 50 Leuten zu einer Führung kommst, wird es schwierig, Unterkünfte in den Städten werden schwierig. Weil es zu erfolgreich wurde, musste ich das verändern. Seit vier, fünf Jahren gibt es jetzt sogar zweimal im Jahr eine große Convention, die SteinCon. Die ist einfacher zu organisieren, weil man in die Fläche gehen und Tagungshotels oder etwas von der Kirche nutzen kann, mit Vollverpflegung. Dort treffen wir uns von Mittwoch bis Sonntag und machen vor allem Brettspiele, Pen & Paper, ein paar Vorträge, Whisky-Tasting, eine Wanderung und so weiter. Das ist super beliebt. Zuletzt waren knapp 70 Leute da. Die kommen aus ganz Deutschland, aus Österreich und aus der Schweiz. Einmal ist sie im Norden, einmal im Süden.

Stephan Bliemel: Das ist sozusagen das Herz der ganzen Geschichte. Darüber hinaus finden dort Multiplayer-Runden statt, die sich selbst organisieren, an einer bin ich beteiligt. Es gibt in diesem exklusiven Rahmen sehr viele Hintergrundinformationen von mir, es gibt Spieleverlosungen von mir, und die Leute organisieren sich erstaunlicherweise auch selbst toll, es gibt zum Beispiel Pen-&-Paper-Runden. Es gibt also eine krass aktive, exklusive Community, zu der man Zugang hat wie über eine Art Mitgliedsbeitrag. Dadurch befruchtet sich das gegenseitig. Und dadurch ist, das hatte ich nie so geplant, die Schwelle hoch, dort wieder herauszugehen, weil man ein tolles Community-Leben ein Stück weit verliert. Das ist in gewisser Weise das, was ich ihnen anbiete, das ist der Vorteil für sie.

22:30800 Supporter, ein harter Kern und viel Arbeit

Justus Mache: Wenn du dir anschaust, wer im Discord-Server aktiv ist, und diese Pen-&-Paper-Runden lassen sich ja sicher vorab im Discord organisieren, wer spielt was und so weiter …

Stephan Bliemel: Genau.

Justus Mache: Wie ist die Beteiligung im Discord-Server?

Stephan Bliemel: Ich habe auf Patreon und Steady zusammen, ich bin ja irgendwann auch zu Steady gekommen, ungefähr, ich schaue da nicht immer so genau hin, 800 Supporter auf beiden Plattformen, die mindestens fünf Euro oder fünf Dollar zahlen, so in der Größenordnung. Davon sind auf dem Discord-Server vielleicht 500, 600 angemeldet.

Justus Mache: Wow.

Stephan Bliemel: Aktiv schreiben vielleicht 100, 150, so in der Größenordnung. Und zum echten Treffen kommen dann 70 Leute oder so. Das fluktuiert natürlich, aber es gibt einen harten Kern von vielleicht 200 Leuten.

Justus Mache: Wenn da 25 Prozent aller deiner Mitglieder aktiv sind, ist das ein sehr guter Wert.

Stephan Bliemel: Wobei man nicht unterschätzen darf: Ich betreibe das und mache das alles allein. Wenn ich vielleicht 50 Stunden in der Woche arbeite, sind davon bestimmt fünf bis zehn Stunden Steinwallens Lager. Das ist kein Content, das geht nicht nach außen, ich nutze es nicht für Content, das bekommt niemand mit. Aber es ist trotzdem, glaube ich, super wichtig für das Projekt und macht mir natürlich Spaß, weil es super tolle Leute sind. Da ist immer wahnsinnig viel hineingeflossen. Das funktioniert nur, wenn die Leute das Gefühl haben, dass sie einen dort direkt erreichen können und dass da Leben ist. Dafür muss man selbst sorgen. Irgendwann läuft es auch ein bisschen von selbst, wenn die Leute sich kennengelernt haben. Aber es ist natürlich mit viel Zeit verbunden. Ich glaube auch nicht, dass es gut funktionieren würde, wenn man das an einen Mitarbeiter auslagern würde. Deshalb sage ich: Das ist alles ein bisschen speziell, was ich mir hier gebaut habe. Das kann man wahrscheinlich nur schwer kopieren.

24:48Discord-Zugang von Hand und wenig Werbung

Justus Mache: Dazu eine kurze praktische Frage, falls jemand überlegt, das bei Steady auch mit einem Discord-Server zu machen: Wie machst du das? Holst du dir die E-Mail-Adressen und lädst die Leute mit der Steady-E-Mail-Adresse bei Discord ein?

Stephan Bliemel: Es wäre super cool, wenn es ein Tool gäbe, mit dem man das verknüpfen könnte, sodass Steady-Mitglieder automatisch Zugang zu einem bestimmten Server hätten. Aber ich gehe einen relativ umständlichen Weg, und auch das ist alles Handarbeit. Die Leute bekommen, glaube ich automatisiert über Steady, eine kurze Mail nach dem Motto: Hallo, gleich erreicht euch eine längere Mail mit Informationen, wie ihr ins Steinwallens Lager kommt. Dann bekomme ich von Steady die E-Mail-Adressen, schreibe die Leute damit an und schicke ihnen den Einladungslink für Discord.

Justus Mache: Okay. Bekommen sie dann automatisiert eine Rolle, oder ist der Discord-Server komplett geschlossen?

Stephan Bliemel: Der ist komplett geschlossen. Das ist auch kein Community-Server, aus bestimmten Gründen. Die Leute bekommen auch nicht automatisch eine Rolle, sondern ich muss immer prüfen. Theoretisch könnte der Link ja weitergegeben werden. Oder ich müsste ihn alle drei Tage ändern, was auch nervig wäre. Wenn also jemand auf den Server kommt, muss ich noch einmal von Hand kontrollieren, ob es dieselbe Person ist wie bei Steady. Das mache ich über einen Abgleich der Nicknames. Deshalb empfehle ich den Leuten immer, statt der echten Namen die Nicknames einzusetzen, damit ich das abgleichen kann. Aus rein professioneller Sicht, was die Skalierung angeht, ist das alles sehr kompliziert.

Justus Mache: Frickelig.

Stephan Bliemel: Frickelig. Aber mein Gott, es funktioniert.

Justus Mache: Ja. Solange die Churn-Raten, also die Kündigungsraten, so niedrig sind, und das sind sie bei dir, das kann ich sagen, ist das sehr gut. Und vor allem, solange du als Medienmacher damit zufrieden bist, wenn du Spaß auf dem Discord-Server hast und deine Community bei dir ist, dann ist das doch etwas Positives.

Stephan Bliemel: Absolut. Ich muss auch sagen, dass ich relativ wenig Werbung dafür mache. Ich könnte das natürlich alle Nase lang erwähnen. Ich mache alle zwei Wochen im Stream dafür Werbung, und es steht bei mir in der Videobeschreibung auf YouTube. Da könnte ich wahrscheinlich noch deutlich mehr optimieren. Aber ich habe das Gefühl, so riesig sollte diese Community auch nicht werden, dann verliert sie vielleicht wieder etwas. Ich pushe das also nicht sehr. Die Leute, die es finden wollen, finden es schon. Es hat jetzt eine schöne Größe erreicht und wächst nicht mega. Es geht auf und ab, mit einer Fluktuation von vielleicht plus, minus fünf im Monat. Das ist überschaubar. Aber ich weiß: Wenn mal Not am Mann wäre, könnte ich noch etwas tun. Ich könnte wenigstens einmal im Jahr ein Video dazu machen, selbst das mache ich nicht. Da ist also noch ein bisschen was drin.

27:56Keine neuen Ziele, weniger Inhalte

Justus Mache: Zwei Themen interessieren mich noch. Du hast gesagt, du machst gar nicht so viel für dein Patreon- und dein Steady-Projekt, was Inhalte angeht. Warst du mal überrascht, dass du etwas kommuniziert oder dir etwas überlegt hast, bei dem du dachtest, da kommen jetzt bestimmt Leute, und dann hat es nicht geklappt? Oder warst du mal überrascht, dass auf einmal viele Leute kamen, und du hättest nicht damit gerechnet, dass das der Grund ist, warum sie dich unterstützen wollen?

Stephan Bliemel: Nein. Wie bei meinen Abonnentenzahlen lief das Wachstum auch hier sehr langsam und konstant. Am ehesten hat mich überrascht, wie gut der Start lief. Als ich angefangen hatte, hatte ich, glaube ich, relativ schnell die Grenze von 800 oder 1.000 Dollar erreicht. Da waren auch Leute dabei, die offenbar gutes Geld hatten und mal eben mit 100 Euro unterstützt haben, und das über eine längere Zeit. Das war gerade für den Start natürlich ganz toll. Dann hat man ein Niveau erreicht, und danach ist es eigentlich immer konstant gewachsen. Bis zu dem Punkt, an dem ich gesagt habe: Leute, ich kann keine neuen Ziele mehr ausgeben nach dem Motto, jetzt kommt noch das und das dazu. Denn ich will keine Mitarbeiter einstellen, ich will in dieser Hinsicht nicht expandieren. Das machen viele Content-Creator-Kollegen, darauf habe ich keine Lust. Ich will solo bleiben. Dadurch ist natürlich begrenzt, was ich machen kann. Irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich gesagt habe: Mehr Content geht nicht. Im Gegenteil, ich habe sogar ein bisschen Content zurückgenommen, weil sich die Art der Produktion und der Anspruch verändert haben. Da haben die Leute gut mitgezogen, muss ich sagen. Darüber bin ich sehr froh. Deshalb habe ich jetzt gar keine Ziele mehr und sage: Ihr unterstützt das Projekt als Ganzes, ja oder nein.

Justus Mache: Vielleicht widersprichst du mir gleich, aber ich spreche oft mit Medienmacher:innen, die sagen: Es ist gerade zu viel, ich mache einen Monat Pause, ich muss zwei Monate Pause machen. Justus, kannst du nicht bitte das Projekt pausieren? Können wir nicht sagen, alle hören jetzt auf zu bezahlen? Ich kann den Leuten nicht mehr geben, was ich ihnen mal versprochen habe. Und wir sehen beinahe nie, höchstens im niedrigen einstelligen Prozentbereich, dass jemand kündigt, wenn sie sagen: Ich mache Pause, ich muss mich regenerieren, ich habe nichts vorproduziert, ich schaffe es nicht. Dass jemand sagt: Wenn du mir den Content nicht gibst, bezahle ich nicht mehr dafür, ist in den allerwenigsten Fällen überhaupt signifikant in den Daten abzulesen. Auch nicht, wenn jemand sagt: Ich mache jetzt weniger, aber in besserer Qualität. Denn bei diesen Mitgliedschaften gibt es immer einen hohen Unterstützungsanteil, bei dir sogar noch mehr. Bis auf den Zugang zum Lager, und den solltest du gar nicht kleinreden: Warum sollten die Leute aufhören, dich zu unterstützen, nur weil du sagst, ich gehe in den Urlaub oder ich mache bessere Qualität mit einer niedrigeren Schlagzahl? Das sehen wir überhaupt nicht.

31:16Transparenz und feste Urlaube

Stephan Bliemel: Ja, genau. Ich habe von Anfang an versucht, einen ganz transparenten Kurs zu fahren. Vor allem, eigentlich ausschließlich für die Crowdfunder habe ich immer klar kommuniziert, wie ich im Hintergrund arbeite und wie der Stand der Dinge ist. Da fließt auch diese Kommunikationsarbeit hinein. Zum Glück hatte ich nie die Situation, dass ich kurz vor dem Burnout stand und sagen musste, ich muss jetzt zwei, drei Monate Pause machen. Das kommt vielleicht auch daher, dass ich vorher schon Berufserfahrung hatte. Ich habe immer relativ schnell gemerkt: Jetzt überziehst du ein paar Monate zu sehr, jetzt musst du etwas ändern. Das ist ein dauernder Prozess. Man muss seine Arbeitsweise und seine Strukturen immer hinterfragen, und das kann man dann wiederum transparent kommunizieren: warum, was und wie sich etwas ändert.

Stephan Bliemel: Was mir von Anfang an wichtig war, und das sehe ich bei manchen Content Creators, die das ein bisschen ignorieren: dass ich regelmäßig Urlaub mache. Richtig wegfahren, ganz klassisch Urlaub, als wäre ich Arbeitnehmer. Das ist dann Sommerpause und wird so kommuniziert. Ich produziere dann ein bisschen vor, es ist also nicht so, dass gar nichts kommt, aber die Streams fallen natürlich aus. Ich sage dann an: Leute, jetzt ist wieder Sommerpause, von da bis da gibt es vorproduziertes Programm. Genauso ist es an Weihnachten, und dann gibt es noch einmal eine Woche oder so. Die Zuschauer sind ja in der Regel auch Arbeitnehmer und gehen auch in Urlaub. Darüber gab es noch nie eine Diskussion. Das ist natürlich ganz normal. Wenn man so ein Projekt langfristig betreibt und es als Beruf hat, versteht jeder, dass man auch Regenerationsphasen braucht.

Justus Mache: Ja.

Stephan Bliemel: Ich kann jedem nur empfehlen, das regelmäßig einzuplanen und zu kommunizieren. Das ist mit Sicherheit der bessere Weg, als irgendwann drei Monate Pause machen zu müssen. Es gibt die große Angst, dass man seine Zuschauer verliert, das kenne ich. Beim Livestream ist es vielleicht so, dass man danach erst einmal ein bisschen weiter unten startet, aber das ist relativ schnell wieder da.

33:29YouTube, Twitch, Vorträge: die anderen Einnahmen

Justus Mache: Weil es auch die Mitgliedschaften ein bisschen betrifft, finde ich noch interessant: Du hast gesagt, du machst keine Placements und so weiter. Gibt es in deiner Position als Content Creator in dieser Nische im Gaming-Bereich außer Patreon und Steady noch andere Einnahmen? Ich habe dich öfter als Gast in anderen Podcasts erlebt. Ist das immer auf freundschaftlicher Basis, oder hältst du Vorträge? Gibt es noch etwas, womit du außer den Crowdfunding-Einnahmen Geld verdienst?

Stephan Bliemel: Die Podcast-Besuche sind tatsächlich nahezu immer ohne Geld. Der wesentliche Punkt sind aber die Werbeeinnahmen von YouTube. Meine Videos haben relevante Aufrufe auf YouTube, viele Leute schauen sie, das ist Brot-und-Butter-Content.

Stephan Bliemel: Ich muss kurz einwerfen: Als ich mich am Anfang beschrieben habe, habe ich über die Let's Plays gesprochen. Aber das mache ich nicht nur. Ich stelle auch neue Spiele vor, mache Infovideos zu Spielen und ab und zu Reise-Vlogs zu historischen Orten. Das nur zur Ergänzung. Insgesamt ist YouTube, wie ich finde, sehr gut in der Monetarisierung von Videos. Da bin ich als Creator sehr zufrieden, und das ist ein relevanter Teil meines Einkommens.

Stephan Bliemel: Hinzu kommt Twitch als Livestream-Plattform. Dort trete ich nicht sehr aggressiv auf, aber die Leute geben von sich aus Subs, was toll ist. Da gibt es Einnahmen. Dann nutze ich Affiliate-Links zu einem Keyshop-Partner, einem seriösen, offiziellen: Gamesplanet, deutsch-französisch. Wenn dort über den Link eingekauft wird, bekomme ich einen Anteil. Das ist auch eine Art Unterstützung für Zuschauer, die zum Beispiel kein Crowdfunding machen. Das sind die Säulen. Dazu kommen ab und an Einladungen zu Universitäten oder Museen, zu Vorträgen und Podiumsdiskussionen. Da fahre ich nur mit Honorar hin, weil es mit Aufwand verbunden ist, ein, zwei, drei Tage. Da kommt dann auch noch ein bisschen was herein.

Justus Mache: Das ist aber derzeit noch nicht dreimal im Monat?

Stephan Bliemel: Nein, aber auch gar nicht so wenig. Ich würde sagen, fünf, sechs Mal im Jahr bin ich schon gegen Honorar irgendwo unterwegs.

Justus Mache: Gut, lieber Stephan, ich bedanke mich bei dir, dass du deine Reise und deine detaillierten Einblicke in den Betrieb deines Mitgliedschaftsprogramms geteilt hast. Das ist sehr informativ. Da können die Leute, die das hören und überlegen, so etwas zu machen, bestimmt etwas lernen.

Stephan Bliemel: Prima, sehr gern.

Justus Mache: Alles klar. Dann habt noch einen schönen Tag. Mach's gut, ciao.

Stephan Bliemel: Tschüss.

Das kannst du übernehmen

  1. Wenn deine Inhalte kostenlos bleiben sollen, kann eine geschlossene Gemeinschaft die Gegenleistung für Unterstützer:innen sein.
  2. Treffen machen aus Unterstützer:innen eine Gruppe, die einander kennt; Bliemel begann mit einer Exkursion für 16 Leute.
  3. Plane die Zeit für die Gemeinschaft fest ein, bei Bliemel sind es fünf bis zehn Stunden pro Woche.
  4. Sag offen, auf welche Einnahmen du verzichtest, etwa auf Sponsorings, und warum du deshalb Unterstützung brauchst.
  5. Kündige Pausen an und plane sie regelmäßig, statt dich bis zum erzwungenen Ausstieg zu überlasten.

Ausgangslage

Stephan Bliemel ist auf YouTube als Steinwallen bekannt. Den Namen dachte er sich in den frühen Jahren des Internets für ein Forum aus. Er wollte sich Wallenstein nennen, doch der Name war vergeben, also drehte er ihn um.

Bliemel hat Geschichte und Germanistik studiert. Sein Kanal „Steinwallen – Games & History“ zeigt vor allem Spiele mit historischem Hintergrund, meist als lange Let’s Plays, also Videos, in denen er ein Spiel kommentiert und Folge für Folge durchspielt. Es sind viele Strategiespiele, dazu Aufbauspiele und Rollenspiele. Ein Spiel möglichst effizient zu gewinnen, interessiert ihn nicht. Er will beim Spielen eine Geschichte erzählen. Außerdem stellt er neue Spiele vor, macht Infovideos und ab und zu Reisevideos zu historischen Orten. Ein- bis anderthalbmal pro Woche streamt er auf Twitch.

Zum Zeitpunkt des Gesprächs, 2026, macht er seit 14 Jahren YouTube-Videos. Der Hauptkanal hat nach seinen Angaben 117.000 Abonnent:innen, der zweite Kanal „Steinwallen Uncut“ mit den Aufzeichnungen seiner Streams rund 25.000. Angefangen hat alles als Hobby. Vorher war Bliemel fünf Jahre lang Pressesprecher im Finanzministerium von Mecklenburg-Vorpommern. Nach einer Legislaturperiode machte er sich selbstständig, schrieb als Autor, gründete einen Verlag, übernahm Satz und Layout für andere und betrieb ein kleines Café in seinem Ort. Let’s Plays zu seinen Lieblingsspielen, den großen Strategiespielen, gab es kaum, und die vorhandenen fand er „ganz schrecklich“. Also nahm er selbst auf. Der Kanal wuchs ohne plötzlichen Durchbruch, aber stetig.

Die Krise und der Neuanfang

Weil YouTube nur ein Hobby sein durfte, stand Bliemel manchmal um fünf Uhr auf, um vor allem anderen eine Stunde aufzunehmen. Mit dem Kanal wuchsen die Erwartungen der Zuschauer:innen, und das stresste ihn zunehmend. In Gedanken war er bei den Aufnahmen, während er an einem Buch schreiben wollte. Er beschreibt diese Zeit als eine Art persönliche Krise. Er löschte den Kanal ohne Ankündigung und stieg drei, vier Monate ganz aus. Dass der Kanal anderen etwas bedeutete, war ihm nicht bewusst. Kontakt zu seinem Publikum hatte er damals kaum.

Dann merkte er, dass Leute ihn im Internet suchten. Für Bliemel war das ein Schlüsselmoment. Offenbar gab es Menschen, denen der Kanal wichtig war. Er meldete ihn wieder an, und YouTube stellte alle Videos und Abos wieder her. In einem Video mit dem Titel „Steinwallens Tod“, angelehnt an Schillers „Wallensteins Tod“, erklärte er, warum er gegangen war. Heute würde er das komplett anders machen, sagt er.

Danach änderte er seinen Blick auf die Arbeit. Bliemel sagte sich, YouTube sei kein Hobby mehr, sondern Teil seiner Arbeit und damit Arbeitszeit. Über vier, fünf Jahre gab er die übrigen Tätigkeiten auf, den Satz für andere, den Verlag, das Café. Das ging, weil das Crowdfunding nach und nach mehr einbrachte. „Das eine hat quasi das andere verdrängt“, sagt er.

Was er gemacht hat

Mit dem Crowdfunding begann Bliemel nach eigener Erinnerung 2016 oder 2017, damals auf Patreon. Er hatte 3.000 bis 4.000 Abonnent:innen. Vorbild war der Let’s Player Gerugon, der mit etwa 9.000 Abonnent:innen rund 1.000 Euro über Patreon einnahm. Das schien in Reichweite. Bliemel stellte ein Konzept mit Zielen auf, ab einem bestimmten Betrag kam etwas Neues hinzu. Seinem Publikum erklärte er, er verbinde Spiele mit Geschichte, Literatur und Hintergrundwissen, und so etwas finanziere sich in seiner Nische nicht von selbst.

Zwei Grundsätze gelten bis heute. Alle Videos bleiben öffentlich, es gibt keine Inhalte hinter einer Paywall. Und Bliemel bleibt unabhängig. Er macht keine Sponsorings und keine Produktplatzierungen, hat kein Management und keine Agentur. Er glaubt, dass ihn viele gerade deshalb unterstützen. Er verzichtet auf diese Einnahmen, und sie gleichen das aus.

Seine Unterstützer:innen bekommen Zugang zu einer Gemeinschaft. Sie heißt Steinwallens Lager, nach Schillers „Wallensteins Lager“. Früher war das ein Forum, heute ist es ein geschlossener Discord-Server. Wer nicht mehr zahlt, verliert den Zugang. Dort gibt es Hintergrundinformationen von Bliemel, Spieleverlosungen und Runden, in denen Mitglieder gemeinsam online spielen. Pen-&-Paper-Gruppen organisieren die Mitglieder selbst.

Von Anfang an versprach er außerdem eine Exkursion im Jahr zu einem historischen Ort. Die erste führte 16 Leute nach Lübeck. Mit jedem Jahr kamen mehr, und mit 50 Leuten werden Führungen und Unterkünfte schwierig. Seit vier, fünf Jahren gibt es deshalb zweimal im Jahr ein großes Treffen, die SteinCon, einmal im Norden und einmal im Süden. Die Gruppe trifft sich in Tagungshäusern mit Vollverpflegung von Mittwoch bis Sonntag, spielt Brettspiele und Pen & Paper, hört Vorträge, wandert und probiert Whisky. Zuletzt kamen knapp 70 Leute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bliemel nennt die Treffen das Herz des Ganzen.

Später kam Steady als zweite Plattform hinzu. Den Zugang zum Discord-Server regelt Bliemel von Hand. Neue Mitglieder bekommen erst eine kurze Mail, dass eine längere mit den Informationen zum Lager folgt. Mit den E-Mail-Adressen, die er von Steady bekommt, schickt er dann den Einladungslink. Weil ein Link weitergegeben werden kann, gleicht er bei jedem Neuzugang den Nicknamen auf Discord mit dem bei Steady ab. Seine Mitglieder bittet er deshalb, bei Steady einen Nicknamen statt des echten Namens anzugeben. Er nennt das umständlich, aber es funktioniert.

Was es gebracht hat

Zum Zeitpunkt des Gesprächs schätzt Bliemel, dass ihn auf Patreon und Steady zusammen rund 800 Menschen mit mindestens fünf Euro oder fünf Dollar unterstützen. 500 bis 600 von ihnen sind auf dem Discord-Server angemeldet, 100 bis 150 schreiben dort aktiv, den harten Kern schätzt er auf 200. Die Zahl der Unterstützer:innen schwankt im Monat um etwa fünf nach oben oder unten. Justus Mache, der bei Steady Medienmacher:innen berät, bestätigt im Gespräch, dass bei Bliemel wenige kündigen.

Den Grund sieht Bliemel in der Gemeinschaft. Wer aussteigt, verliert ein Stück Community-Leben, deshalb sei die Schwelle zum Kündigen hoch. Geplant habe er das nie. Der Preis dafür ist Zeit. Von etwa 50 Wochenstunden fließen nach seiner Schätzung fünf bis zehn in Steinwallens Lager, in Arbeit, die außerhalb niemand sieht. Die Leute müssten das Gefühl haben, ihn dort direkt zu erreichen, sagt er. An Mitarbeiter:innen ließe sich das wohl nicht abgeben.

Der Anfang lief besser als erwartet. Bald kamen 800 bis 1.000 Dollar zusammen, auch weil einige über längere Zeit 100 Euro gaben. Danach wuchs das Crowdfunding langsam und stetig, bis Bliemel keine neuen Ziele mehr ausgab. Er will allein arbeiten und niemanden einstellen. Inzwischen produziert er sogar etwas weniger, weil seine Ansprüche an die Produktion gestiegen sind. Die Unterstützer:innen seien mitgegangen. Heute unterstützt man bei ihm das Projekt als Ganzes.

Für Pausen hat er feste Gewohnheiten. Bliemel macht im Sommer und an Weihnachten Urlaub wie ein Angestellter, kündigt das an, produziert etwas vor und lässt die Streams ausfallen. Diskussionen habe es darüber nie gegeben. Seinen Unterstützer:innen erzählt er regelmäßig, wie er im Hintergrund arbeitet und was sich ändert. Mache bestätigt das aus der Erfahrung von Steady. Wenn Medienmacher:innen eine Pause ankündigen oder weniger, aber besser produzieren, kündigen kaum Mitglieder, höchstens ein niedriger einstelliger Prozentsatz.

Die Mitgliedschaften sind eine von mehreren Einnahmequellen. Einen relevanten Teil seines Einkommens bringen die Werbeeinnahmen von YouTube, mit denen Bliemel sehr zufrieden ist. Dazu kommen Abos auf Twitch, Affiliate-Links zum Keyshop Gamesplanet und fünf, sechs bezahlte Auftritte im Jahr, etwa an Universitäten und in Museen. Für die Mitgliedschaft wirbt er wenig, alle zwei Wochen im Stream und in den Videobeschreibungen. Die Gemeinschaft soll nicht riesig werden, sonst gehe vielleicht etwas verloren.

Was du übernehmen kannst

Bliemel selbst hält sein Modell für schwer kopierbar, weil es an seiner Person und seiner Zeit hängt. Einiges lässt sich trotzdem übertragen:

  • Biete Zugehörigkeit statt exklusiver Inhalte. Wenn alles kostenlos bleiben soll, kann eine geschlossene Gemeinschaft die Gegenleistung sein.
  • Bring die Leute zusammen. Treffen machen aus Unterstützer:innen eine Gruppe, die einander kennt. Fang klein an, bei Bliemel waren es 16 Leute in Lübeck.
  • Plane die Zeit für die Gemeinschaft ein. Ein lebendiger Server braucht dich, bei Bliemel fünf bis zehn Stunden pro Woche.
  • Sag, worauf du verzichtest. Wer ohne Sponsoren arbeitet, hat damit einen guten Grund, um Unterstützung zu bitten.
  • Versprich nicht mehr, als du allein schaffst. Wenn du nicht wachsen willst, bitte um Unterstützung für das Projekt als Ganzes statt um das nächste Ziel.
  • Plane Pausen und kündige sie an. Regelmäßiger Urlaub ist besser als ein erzwungener Ausstieg.

Als Bliemel seinen Kanal löschte, glaubte er, niemand werde ihn vermissen. Heute trifft er seine Unterstützer:innen zweimal im Jahr. Welche Gegenleistungen zu einer Mitgliedschaft passen, steht in der Lektion Welche Gegenleistungen gehören in deine Mitgliedschaft?. Wie du ein Projekt über Jahre durchhältst, ohne dich zu überlasten, erklärt Durchhalten als Gründer:in.

Häufige Fragen

Kann ich Unterstützer:innen gewinnen, ohne Inhalte hinter eine Paywall zu stellen?

Ja. Stephan Bliemel zeigt als Steinwallen alle Videos öffentlich. Wer zahlt, finanziert die Inhalte für alle und bekommt Zugang zu einer geschlossenen Gemeinschaft auf Discord mit Treffen zweimal im Jahr. Zum Zeitpunkt des Gesprächs unterstützen ihn nach seiner Schätzung rund 800 Menschen auf Patreon und Steady.

Wie gebe ich Steady-Mitgliedern Zugang zu einem Discord-Server?

Stephan Bliemel macht das von Hand. Mit den E-Mail-Adressen, die er von Steady bekommt, schickt er neuen Mitgliedern einen Einladungslink. Weil Links weitergegeben werden können, gleicht er bei jedem Neuzugang den Nicknamen auf Discord mit dem bei Steady ab. Er nennt das umständlich, aber es funktioniert.

Kündigen Mitglieder, wenn ich eine Pause mache?

Selten. Justus Mache von Steady sagt, nach angekündigten Pausen oder wenn Medienmacher:innen weniger, aber besser produzieren, kündige kaum jemand, höchstens ein niedriger einstelliger Prozentsatz. Stephan Bliemel macht jeden Sommer und an Weihnachten Urlaub, kündigt ihn an und produziert etwas vor. Diskussionen gab es darüber nach seinen Worten nie.

Wie viel Arbeit macht eine exklusive Community für Mitglieder?

Bei Stephan Bliemel fünf bis zehn Stunden in einer Arbeitswoche von etwa 50 Stunden. Er sagt, eine Gemeinschaft funktioniere nur, wenn die Leute einen dort direkt erreichen und Leben spüren. Auslagern lasse sich das kaum.

Wovon lebt ein YouTuber wie Steinwallen?

Von mehreren Quellen. Neben Patreon und Steady nennt Stephan Bliemel die Werbeeinnahmen von YouTube als relevanten Teil seines Einkommens. Dazu kommen Abos auf Twitch, Affiliate-Links zu einem Keyshop und fünf, sechs bezahlte Auftritte im Jahr, etwa an Universitäten und in Museen. Sponsorings und Produktplatzierungen macht er nicht.

Die Methoden dahinter

Gespräch

Justus Mache

Media Maker Success bei Steady

Justus hilft bei Steady Medienmacher:innen dabei, Mitgliedschaften zu starten und dauerhaft zu betreiben. Im College erklärt Justus, wie du Preise, Pakete und Gegenleistungen festlegst.

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