0:00Warum ein Medien-Startup schwierig ist und woran du arbeiten solltest
Sebastian Esser: Wir sind zurück mit einem tollen Thema und einem tollen Gast, und zwar mein Mitgründer Gabriel Yoran. Er ist ein lustiger, netter Mensch und kennt sich außerdem super gut aus mit der Arbeit an Startups. Seit Jahrzehnten, muss man inzwischen sagen, Gabriel, bist du damit beschäftigt. Wir wollen heute über die Achterbahn reden, die es bedeutet, so ein Medien-Startup zu gründen, was es am Ende ja doch immer ist. Hallo Gabriel!
Gabriel Yoran: Hallo Sebastian.
Sebastian Esser: Gabriel, Suggestivfrage: Ist das leicht oder ist es schwierig, was die Leute hier vor sich haben?
Gabriel Yoran: Es ist schwierig. Aber es ist spannend, und mit der richtigen Einstellung kann man auf jeden Fall etwas daraus ziehen, egal wie erfolgreich es wird. Das klingt ein bisschen esoterisch, und ich versuche auch, den Begriff des Mindsets zu vermeiden, weil mir das ein bisschen nach dem Gecoache klingt, das man überall kriegt. Das ist natürlich allgegenwärtig, auf Social Media überall, und vieles davon nervt und ist fragwürdig. Ich habe mir vorgenommen, heute aus über 20 Jahren Startups machen, eigentlich 23, 24 Jahren jetzt, die Sachen mitzubringen, die mir geholfen haben, diese teilweise schwierige und frustrierende Achterbahnfahrt irgendwie durchzustehen.
Sebastian Esser: Das richtige Mindset: Was ist das richtige Mindset deiner Meinung nach?
Gabriel Yoran: Ich würde eher von Prinzipien sprechen, nach denen man vorgeht, wenn man ein Unternehmen gründet oder auch nur, wenn man sich als Einzelperson selbstständig machen möchte. Das Wichtigste, was mir geholfen hat, ist, dass man idealerweise an etwas arbeitet, das man für richtig hält. Sonst hat man, wenn es am Ende vielleicht nicht klappt und man den Laden zumachen muss, all die Zeit und den Frust gehabt für etwas, das sowieso nichts bedeutet hat, das sowieso nicht wichtig war. Das ist blöd.
Sebastian Esser: Wenn du sagst „wichtig“: Was meinst du damit? Heißt das, vielleicht keine Waffenfabrik gründen oder keinen Atommüll produzieren?
Gabriel Yoran: Es reicht schon, wenn man der Meinung ist: Das, was ich hier mache, was wir hier machen, das sollte es geben in der Welt. Und wenn man das dann noch gut begründen kann, umso besser. Vielleicht lindert es den Schmerz, die Probleme oder den Ärger von Leuten. Vielleicht ist es dazu da, eine große Ungerechtigkeit ein bisschen kleiner zu machen. Vielleicht macht es auch nur den Alltag einer bestimmten Gruppe von Leuten besser. Man tut also etwas idealerweise aus einem Grund, der einen selbst überzeugt. Dann ist man nicht darauf angewiesen zu sagen: Das hat mich zwar alles nicht interessiert, und ich fand das alles scheiße, aber ich habe sehr viel Geld damit verdient. Das kann man auch machen. Aber es ist sehr viel schwerer, wenn man Einzelkämpfer oder Einzelkämpferin ist oder ein kleines Team und nicht an die Sache glaubt, die man da macht. Dann sind die Stakes zu hoch, dann steht so viel auf dem Spiel, und das für eine Sache, die man gar nicht wirklich machen möchte, von der man nicht wirklich überzeugt ist. Das ist blöd.
Sebastian Esser: Das ist bei Medien-Startups zum Glück meistens gegeben, dass die Leute wirklich motiviert sind und nicht unbedingt von Geld oder etwas Ähnlichem. Das war also der erste Teil: Mach etwas, woran du wirklich glaubst. Der zweite Teil, den du erwähnt hast, ist das Durchhalten. Kannst du darüber sprechen?
4:26Durchhalten: Was die Südpol-Expedition lehrt
Gabriel Yoran: Genau. Da gibt es verschiedene Tricks, würde ich sie fast nennen, weil das Durchhalten tatsächlich so wichtig ist. Es ist schwierig, das zu objektivieren, denn irgendwann muss man sagen: Okay, das funktioniert nicht, ich mache etwas anderes, ich ändere etwas. Aber in meinem Leben ist mir oft gesagt worden … Ein Kunde, den ich sehr lange per E-Mail bequatscht habe, hat irgendwann gesagt: Okay, ich kaufe das Produkt. Und dann hat er mir gesagt: „I appreciate your persistence.“ Also: Ich weiß Ihre Unnachgiebigkeit zu schätzen. Das war natürlich nur halb ernst gemeint. Aber Zähigkeit ist schon etwas, das hilft, und es gibt verschiedene Prinzipien, die einem helfen durchzuhalten.
Gabriel Yoran: Eins davon hat mich sehr überzeugt. Ich habe es, glaube ich, zum ersten Mal in einem Buch namens „From Good to Great“ oder so gelesen. Da ging es um die Südpol-Expedition von 1911/12, Amundsen und Scott.
Sebastian Esser: Scott, genau. Die kennt man von ganz vielen Kinder-Langspielplatten, also Hörspielen.
Gabriel Yoran: Ich weiß nicht, ob die Hörspiele beide berücksichtigen oder nur einen von beiden. Aber das Amundsen-Team hatte nicht mehr Geld oder so. Die sind zum Südpol gekommen und auch alle heil zurückgekommen. Und das Scott-Team hat es, glaube ich, nicht zum Südpol geschafft, und es sind dabei auch noch etliche Leute gestorben, unter ihnen Scott selbst. Beide haben das Gleiche gemacht, aber mit fatal unterschiedlichem Ausgang. Die hatten auch keine unterschiedlichen Technologien zur Verfügung, es war die gleiche Zeit, Ende 1911.
Gabriel Yoran: Man hat später untersucht, was die unterschiedlichen Maßnahmen waren. Eine davon war die altertümliche Tugend der Disziplin. Amundsen hatte gesagt: Okay, wir wandern jeden Tag 10 Meilen, egal wie das Wetter ist. Da denkt man natürlich als Erstes: Okay, die sind also auch im Schneesturm 10 Meilen gelaufen. Das stimmt. Aber sie sind auch, wenn die Sonne geschienen hat und das Wetter okay war, nur 10 Meilen gegangen. Sie haben nicht wie Scott gesagt: Okay, jetzt ist die Gelegenheit, jetzt powern wir hier durch und wandern 50 Meilen. Sie haben sich auch in guten Momenten diszipliniert. Weil sie sich gesagt haben: Wer weiß, wie das Wetter morgen ist. Wenn wir heute 50 Meilen laufen, sind die Leute kaputt. Und wenn dann morgen Schneesturm ist, ist es doppelt schrecklich, dann müssen wir im Basislager bleiben, und dann geht die Moral in den Keller.
Gabriel Yoran: Also jeden Tag mit einem gewissen Rhythmus arbeiten, ohne es zu übertreiben, sich aber auch in den schlechten Momenten wenigstens zu diesem Minimum zwingen. Dann kann man auch länger durchhalten.
7:58Produktive Paranoia und der Mut anzufangen
Gabriel Yoran: Das war eins der Prinzipien, es gab noch zwei weitere. Ein anderes haben die Autoren dieses Buchs produktive Paranoia genannt. Da ging es darum, von Anfang an extrem gut durchzuplanen, was alles schiefgehen kann, und sich darauf vorzubereiten. Also den Worst Case immer vor Augen zu haben und sich bis in die Details vorzubereiten. Da muss man jetzt aufpassen, ob das ein guter Rat ist. Aber eine Sache ist mir in Erinnerung geblieben: Scott ist mit Standardkisten und Standardgepäck gereist. Amundsen wusste, dass diese Kisten zu schwer sind. Irgendwann werden sie den Tieren, die das Gepäck ziehen, zu schwer. Die fangen an zu schwitzen, der Schweiß vereist, und dann haben sie diese Eisbrocken auf dem Rücken und brechen darunter zusammen. Das heißt, das Gepäck muss leicht sein. Und das waren, glaube ich …
Sebastian Esser: Ponys.
Gabriel Yoran: Ponys, ich weiß.
Sebastian Esser: Die Ponys mussten sie dann aufessen.
Gabriel Yoran: Ja, auch darauf muss man sich vielleicht vorbereiten. Aber tatsächlich haben sie die Holzkisten abgeschliffen, damit sie ganz dünn sind und nicht so viel wiegen. Sie haben sich sehr gut vorbereitet und sehr gut geplant. Die sind nicht einfach losgelaufen.
Gabriel Yoran: Das steht ein bisschen im Widerspruch zu diesem „Fang einfach mal an“, was leider auch richtig ist, weil sehr viele Leute gerade am Anfang sehr viel zögern. Das hat sein Gutes und sein Schlechtes. Einerseits hat man, bevor man anfängt, den größten Hebel, weil man sich dann entscheiden kann: Investiere ich meine Zeit in dies oder in das? Das wird später schwieriger, die Möglichkeiten werden enger. Aber am Anfang hat man eben auch die größte Wirkung, wenn man anfängt. Stell dir vor, du schreibst ein Buch. Wenn du erst mal angefangen hast, ist alles andere sehr viel leichter. Dann hast du schon etwas, dann kannst du daran herumarbeiten, du kannst es Leuten zum Lesen geben, du kannst verwerfen und löschen und noch mal von vorne anfangen. Aber du hast schon mal angefangen und hast eine Basis, von der aus du arbeiten kannst. Wenn du nicht mal angefangen hast, wird die Aufgabe in deinem Kopf immer größer und immer schwerer, und dann ist die Prokrastination da, und die ist gefährlich. Deswegen hilft das Regelmäßige: nicht übertreiben, auch nicht in den guten Momenten. Du wolltest etwas sagen?
11:08Pausen, Gesundheit und ein zweites Projekt
Sebastian Esser: Ja. Wo du schon das Bild vom Südpol angebracht hast, das mir echt super gut gefällt, könnte ich noch eine Geschichte einbringen, und zwar eine Kurzgeschichte von Jack London. Da geht es darum, wie ein Protagonist zu den Goldsuchfeldern in Alaska dieses ganze Zeug schleppt. Er hat eine Gruppe von indigenen Trägern angeheuert und beschreibt, wie die ohne Unterlass diese Kisten schleppen und er überhaupt nicht mehr hinterherkommt, obwohl er selbst fast nichts trägt. Dann machen sie eine Pause, und er ist schon längst erholt, aber die machen noch weiter Pause. Er will sie ständig dazu animieren, jetzt loszugehen. Aber die strengen sich enorm an und machen dann eine enorm lange Pause, bei der man denken sollte, das ist mehr als nötig. Daran habe ich wirklich schon häufiger gedacht: wie wichtig es ist, solche Pausen auch ernst zu nehmen. Gerade weil man ganz langfristig unterwegs ist und unterwegs nicht aufgeben darf. Die Puste darf nicht ausgehen, vor allem die Gesundheit.
Gabriel Yoran: Das ist tatsächlich ein Punkt, den man beim ersten Gründen, ich will gar nicht sagen unterschätzt, sondern gar nicht auf dem Schirm hat, weil man so für die Sache brennt und die ganze Zeit daran arbeitet. Das ist gefährlich. Das führt zu ganz komischen Problemen, die man erst im Nachhinein darauf zurückführen kann, dass man zu sehr mit Scheuklappen unterwegs war und zu sehr auf eine einzige Sache fokussiert.
Gabriel Yoran: Eine Sache, die mir guttut, ist, mehr als ein Projekt zu haben. Es hilft, noch ein anderes zu haben. Das kann ein Hobby sein, etwas Sportliches, es kann aber auch eine andere unternehmerische Sache sein. Es ist nicht so wichtig, dass es etwas völlig anderes ist. Es ist nur wichtig, dass man den Eindruck hat: Es hängt nicht alles an diesem einen Projekt. In dieses Loch fallen ganz viele Gründer:innen, dass sie irgendwann nur noch ihr Projekt sehen und denken, alles dreht sich darum und die Welt geht unter, wenn dieses Projekt nicht funktioniert. Aber so ist es nicht, sie geht nicht unter. Was man sich ausmalt, wie schlimm das ist: So schlimm kommt es eigentlich nie. Das muss man sich aber regelmäßig vor Augen halten.
Gabriel Yoran: Eine der Methoden, wie man das machen kann, ist also, neben dem einen Projekt noch etwas anderes zur Abwechslung zu haben. Wenn das eine dann durchhängt und schwierig ist, hat man noch etwas anderes, worauf man sich freuen kann.
14:15Den Schwamm auswringen: Gedanken aufschreiben
Gabriel Yoran: Das Zweite ist, dass man regelmäßig etwas macht, das ich neulich beschrieben gelesen habe als „den Schwamm auswringen“. Mit dem Schwamm ist das Gehirn gemeint. Man setzt sich einmal die Woche hin und schreibt alle seine Gedanken auf. Das ist sehr einfach. Es gibt dafür Patterns und Vorlagen. Eine davon, die ich seit Jahren benutze, mindestens einmal im Monat, ist von der School of Life. Das ist eine Organisation in London von dem Autor Alain de Botton, der man auf YouTube folgen und deren Videos man sich anschauen kann. Da erklären sie in drei, vier Minuten ein Verfahren, das sie Philosophical Meditation nennen. Sie nennen das quasi den westlichen Gegenentwurf zur Meditation. Es geht nicht darum, den Kopf leer zu kriegen und nichts zu denken, sondern darum, dahin zu gehen, wo es im Kopf wehtut.
Gabriel Yoran: Man schreibt sich auf: Was sind die Dinge, die mich gerade belasten? Auf welche Leute bin ich gerade wütend? Aber auch: Worauf konzentriert sich gerade meine Ambition, was finde ich gerade spannend? Und die wichtigste Frage am Schluss ist: Was könnte ich in meinem Leben im Lichte dieser Erkenntnis verändern? Wenn du herausfindest, was es ist, das dich selbst in Krisen interessiert, dich aufbaut und motiviert, dann kannst du dir die anderen Aspekte deines Lebens durch diese Brille anschauen und fragen: Wie wären die, wenn sie mehr so wären wie die Sache, die ich gut finde?
Gabriel Yoran: Wenn ich das mache, ist mir zum Beispiel oft aufgefallen, dass mich die Sachen motivieren, bei denen ich den Eindruck habe, ich kann etwas ausrichten. Wo ich etwas unter Kontrolle habe, wo ich selbst entscheiden kann, wo ich nicht darauf angewiesen bin, dass andere mitmachen oder mir keine Steine in den Weg legen. Wo es nicht von wahnsinnig viel Geld oder irgendwelchen äußeren Umständen abhängt, die ich nicht beeinflussen kann. Das können auch kleine Sachen sein, einen Blogbeitrag schreiben zum Beispiel, etwas, das man selbst machen kann. Wenn man sich das vor Augen führt – aha, mit diesen Dingen komme ich gut klar –, schaut man sich die anderen Aspekte seines Lebens an und sagt: Wahrscheinlich sind die Sachen, die mich gerade frustrieren, die, über die ich keine Kontrolle habe, wo ich ausgeliefert bin oder das Gefühl habe, ausgeliefert zu sein. Jeder kennt solche Aspekte in seinem Leben, wo man gerade nichts machen kann. Dann muss man sich mit diesem Thema befassen und diese Sachen vielleicht bewusst akzeptieren. Da gibt es verschiedene Methoden, wie man damit umgehen kann.
Gabriel Yoran: Das Wesentliche ist aber gar nicht, dass man darin Lösungen findet, sondern dass man die Sachen, die im Unbewussten im Kopf herumgurken, einmal in Worte gefasst hat. Man muss es hinterher auch gar nicht mehr lesen und niemandem zu lesen geben. Einmal rausschreiben, das hilft sehr vielen Menschen. Weil man dann die Dinge benannt hat, die sonst nur als Gefühl irgendwo im Hinterkopf oder im Bauch sind, oder wo man das sonst wahrnimmt.
17:58Reflexion, Alleinsein und Denkmuster
Sebastian Esser: Es geht hier vor allem um Reflexion. Es gibt sicher unterschiedliche Methoden, das durchzuführen. Manche machen Yoga, andere meditieren, die dritten haben Psychotherapeuten oder Coaches. Aber damit ganz bewusst umzugehen … Und was du sagst: dass man schon ganz viel gewinnen kann, indem man in die Aktion kommt. Das ist das Tolle am Startup, dass man immer selbst entscheiden kann, was man tut und welche Wirkung man damit auslöst. Der Nachteil ist aber, dass man damit oft auch sehr allein ist. Was kann man dagegen tun?
Gabriel Yoran: Man muss dieses Gefühl kultivieren und pflegen, dass man wirklich etwas bewirken kann. Denn oft geht es gerade Gründer:innen so, dass sie den Eindruck haben, sie sind den Umständen ausgeliefert: der Konjunktur, den Investoren, den Kundinnen, dem Vermieter. Man kann oft das Gefühl haben, dass man machtlos ist. Dem muss man sich, glaube ich, ganz bewusst stellen und sich fragen: Ist das wirklich so? Gerade bei Leuten, die damit größere Probleme haben, empfiehlt es sich, ganz gezielt zu schauen: Was denke ich da eigentlich? Passen diese Gedanken zu der Situation, in der wir sind, oder ist das übertrieben? Interpretieren wir da etwas in Handlungen von anderen hinein, das möglicherweise gar nicht da ist? Dafür gibt es auch Listen aus der kognitiven Verhaltenstherapie, Warped Thoughts. Es gibt Muster, in die viele Leute fallen, wo man sagen kann: Die haben Pech beim Denken. Denen muss man beim Nachdenken helfen, beim Bewerten der Situation, in der sie sind, weil sie sich sonst das Leben unnötig schwer machen.
20:05Ein Netzwerk gegen das Alleinsein
Gabriel Yoran: Ein ganz wichtiger Aspekt, den ich noch anfügen möchte, ist natürlich das Netzwerk an Menschen, mit denen man zu tun hat. Gerade wenn man den Eindruck hat, man ist ganz allein mit seinen Problemen. Dieses Problem haben viele Gründer:innen. Selbst wenn sie schon Angestellte haben, selbst wenn die Firma aus ein paar oder sogar aus vielen Leuten besteht, fühlen sie sich oft sehr allein. Weil niemand da ist, der ihnen sagt: Das hast du gut gemacht. Es klingt albern und kindisch, aber es ist tatsächlich so. Die Mitarbeiter sagen der Chefin nicht: Oh, das hast du gut gemacht. Und wenn doch, sollte man vorsichtig sein, ob man es glaubt. Selbst wenn du an der Spitze der Firma stehst und über dir noch ein Board, ein Verwaltungsrat, ein Aufsichtsrat oder ein Beirat ist, wo vielleicht Investoren drinsitzen: Die sagen dir das auch nicht, jedenfalls nur sehr, sehr selten. Wer sagt es einem also? Es besteht die Gefahr, dass man es erst in der Presse liest, und die hat natürlich auch nur einen Blick von außen.
Gabriel Yoran: Es ist schwer. Hoffentlich hat man einen Partner oder eine Partnerin und ist in einer Beziehung, die einen vielleicht ein bisschen einnordet. Aber was man tatsächlich braucht, sind Leute, mit denen man darüber reden kann. Da gibt es natürlich Mentoren und Coaches. Aber mit denen kann man auch nicht immer alles bereden, manchmal sind die ja das Problem, das einen belastet. Was muss man also machen? Man braucht ein Supportnetzwerk, ein Netzwerk aus Leuten, mit denen man über diese Art von Problemen reden kann. Und da gibt es zum Glück verschiedene Ressourcen.
22:16Der Unternehmerstammtisch und seine Regeln
Gabriel Yoran: Es gibt zum Beispiel Unternehmerstammtische. Da treffen sich Leute, die etwas gegründet haben, vielleicht in unterschiedlichen Branchen oder in der gleichen Branche, aber in unterschiedlichen Unternehmen, einmal im Monat und reden miteinander über ihre Probleme. Ich habe an so etwas mal teilgenommen. Das hat ein Branchenverband der Medienunternehmen hier in Berlin veranstaltet. Die haben das Muster einer amerikanischen Organisation genommen, der Entrepreneurs' Organization, die solche Treffen von Unternehmer:innen organisiert.
Sebastian Esser: Eine Selbsthilfegruppe, könnte man sagen.
Gabriel Yoran: Quasi eine Unternehmer-Selbsthilfegruppe, genau. Da treffen sich die Leute nach einem ganz strengen Muster zum Essen und Trinken. Aber sie plaudern nicht einfach miteinander, sondern es gibt strenge Regeln. Dazu gehört: Man erzählt eine Sache aus der Firma und eine Sache aus dem Privatleben, die gut gelaufen ist, und eine Sache aus der Firma und eine aus dem Privatleben, die scheiße gelaufen ist, jeweils in den letzten vier Wochen. Das macht jeder einmal reihum, und das bleibt natürlich alles total vertraulich. Dann gibt man eine Frage in die Runde, also eine Sache, bei der man Hilfe oder Unterstützung braucht. Das kann sein: Ich suche einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin, die dies oder das tut. Es kann aber auch sein: Meine Mitgründer gehen mir auf den Keks, oder uns geht das Geld aus, was soll ich tun? Und eine Sache, bei der man Hilfe anbieten kann, weil man in den letzten vier Wochen etwas Interessantes gelernt oder jemanden kennengelernt hat, der etwas besonders gut kann, und das anderen zugänglich machen möchte.
Gabriel Yoran: Die einzige andere Regel, an die ich mich erinnern kann: Man sagt den anderen nicht, was sie tun sollen, sondern erzählt, was man selbst in einer ähnlichen Situation gemacht hat, und belässt es dabei. Der Hauptgedanke dabei ist: Diese Unternehmer:innen wollen nicht gesagt bekommen, was sie machen sollen. Sie wollen hören, was andere so machen, und dann selbst entscheiden. Man kann schauen, ob es solche Gruppen in der Gegend gibt, in der man ist. Denn es ist schön, wenn man die Leute persönlich trifft. Ich habe tatsächlich Freunde über so eine Gruppe gewonnen, Leute, die ich immer noch treffe. Es ist sehr erleichternd, mit Leuten zu sprechen, die die gleichen Probleme haben. Man ist dann nicht mehr allein, man kann die Leute auch außerhalb so einer Selbsthilfegruppe anrufen. Es hilft, mit anderen darüber gesprochen zu haben, die die gleichen Probleme haben.
25:03Hochphasen und Tiefphasen nutzen
Sebastian Esser: Okay, jetzt habe ich es geschafft, mir ein Netzwerk aufzubauen, vielleicht gleichgesinnte Unternehmer:innen gefunden, Leute, die etwas Ähnliches machen. Ich kann mich außerhalb des Teams, falls es überhaupt ein Team gibt, und außerhalb meiner täglichen Stressarbeit austauschen. Trotzdem ist es ein ewiges Auf und Ab. Startup Hustle ist, glaube ich, der Fachbegriff dafür. Es hört nie auf. Wenn es mal super läuft, kommt schon die nächste Kurve, dann geht es wieder bergab, alle schreien laut und denken, die Welt geht unter. Wie komme ich damit klar?
Gabriel Yoran: Am besten, indem man diese Phasen nutzt. Da sie unvermeidlich sind, kann man mit ihnen arbeiten. Die kommen zwangsläufig. Es wird Begeisterungsphasen geben, in denen es richtig toll läuft und man die ganze Welt umarmen möchte. Und es wird Phasen geben, in denen man denkt: Warum habe ich mich auf diese Sache eingelassen? Ich könnte jetzt irgendwo in einer halbwegs ruhigen Festanstellung sitzen und müsste nachts nicht wach liegen wegen der Probleme in meiner Firma. Der produktivste Umgang damit ist, wenn es geht, zu erkennen, in welcher Phase man gerade ist, und den mentalen Zustand zu nutzen, in dem man ist. Das ist das Prinzip des Startup-Rollercoasters. Das ist auch nicht von mir, das kann man alles nachlesen.
Gabriel Yoran: Wenn man in einer mentalen Hochphase ist, ruft man seine Kunden an, potenzielle Investoren, die Leute, denen man aus jeder Pore vermitteln möchte: Das hier wird richtig toll, was wir hier machen, da sollten Sie dabei sein. Und eine Tiefphase, in der man denkt, das ist alles ganz schön schwierig und viel schwieriger, als ich dachte, ist eine Phase, in der man zum Beispiel Finanzplanung machen sollte. In dieser Phase, in der man skeptisch und vielleicht pessimistisch ist, plant man idealerweise die nächsten zwei, drei Jahre: Was für Einnahmen werden realistischerweise reinkommen? Was kann alles schiefgehen? Worauf müssen wir uns vorbereiten?
27:42Risiken kennen: das Memo von Bill Gates
Gabriel Yoran: Ein Kollege von mir, mit dem ich auch schon eine Firma zusammen gegründet habe, hatte immer im Kopf, was er „Deathline Risks“ genannt hat. Also: Was könnte die Firma, die wir hier haben, von heute auf morgen kaputt machen? Das klingt nach einem wirklich furchtbaren Gedanken. Aber wenn man das einmal durchhat und genau weiß, was diese Dinge sind, ist es nicht mehr so schlimm. Dann kann man etwas dagegen tun, dann kann man sich vorbereiten. Also nie zu enthusiastisch werden und immer diese kleine rote Lampe im Hinterkopf haben, die sagt: Es kann morgen schon wieder ganz anders aussehen.
Gabriel Yoran: Es gibt dieses berühmte Memo von Bill Gates an die Microsoft-Mitarbeiter, ich glaube, nachdem Windows 95 rauskam. Die Rolling Stones sind aufgetreten und haben Werbung für ein Betriebssystem gemacht. Plötzlich war eine Computersoftware ein Hype und auch ein kulturelles Ereignis. Und der Anspruch von Microsoft, ein Computer auf jedem Schreibtisch, war Mitte der 90er eigentlich erfüllt.
Sebastian Esser: Genau, das war die große Vision aus den 80ern: a PC on every desk.
Gabriel Yoran: Und das ist tatsächlich eingetreten. Dann hat er allen Mitarbeitern eine Mail geschrieben, in der im Wesentlichen stand: Irgendwo sitzen gerade Leute, die arbeiten an etwas, das all das kaputt machen wird, woran wir hier gerade arbeiten.
Sebastian Esser: Da hat er auch recht gehabt. Dann kam der Internetbrowser, dann kam das Internet, dann kam das iPhone, und überall war Microsoft hinten dran.
Gabriel Yoran: Genau. Sie haben sich aber insofern darauf vorbereitet, dass sie in andere Bereiche investiert haben. Sie haben die Xbox gemacht und später LinkedIn gekauft. Sie haben in alle möglichen Bereiche investiert, um auf Nummer sicher zu gehen. Das können die sich natürlich erlauben, mit dem Cash, den sie hatten. Aber die eigentliche Takeaway-Message ist: immer im Hinterkopf haben, wovon das Geschäft, das man macht, abhängt, und anfangen, darüber nachzudenken, wie man sich dagegen wappnen kann, wenn dieser Fall eintritt.
30:23Vision und Abhängigkeiten, auch für kleine Projekte
Sebastian Esser: Gabriel, jetzt stelle ich mir vor, dass viele, die diesen Kurs besuchen und dieses Gespräch hören, denken: Was hat das denn mit mir zu tun? Ich fange jetzt erst mal an mit meinem Podcast, meinem Newsletter, einer kleinen Webseite. Ich habe noch keine große Community, und ich denke jetzt über die Probleme von Microsoft nach? Warum ist es trotzdem wichtig, auch an das Große zu denken oder an die Zukunft, die da hoffentlich kommen könnte? Was hat man von diesem Größenwahn, der es am Anfang ja naturgemäß immer ist?
Gabriel Yoran: Es sind zwei Dinge. Einerseits würde ich es gar nicht als Größenwahn betrachten, sondern als Perspektive oder Vision. So wie ein Vögelchen, das über die Felder fliegt und nicht nach unten blickt und jede Hecke und jedes Gatter betrachtet, sondern auf den Horizont schaut. Die langfristige Perspektive, um auf den Anfang unseres Gesprächs zurückzukommen: Warum mache ich das eigentlich? Das sich immer wieder in Erinnerung rufen.
Gabriel Yoran: Und auf der anderen Seite, wenn man sich ganz genau fragt: Wovon hängt der Erfolg dessen, was ich hier mache, eigentlich ab? Das ist auch eine Form von Analyse, die man sowieso irgendwann machen muss. Man muss sich irgendwann vor Augen führen: Warum hören die Leute meinen Podcast? Was biete ich ihnen eigentlich an? Welches Problem, das sie haben, löst mein Podcast? Warum lesen die Leute meinen Newsletter? Es ist sehr, sehr schwer, das selbst zu machen. Es hilft, jemanden von außen zu haben, der einem ehrlich Feedback geben kann.
Gabriel Yoran: Und diesen Konflikt auszuhalten: einerseits eine Vision davon zu haben, wohin es gehen soll, warum ich das überhaupt mache, und gleichzeitig im Hinterkopf zu haben, wovon das alles abhängt, worauf ich eigentlich baue. Wenn ich zum Beispiel einen Podcast mache, gehe ich vermutlich davon aus, dass es Systeme und Plattformen gibt, die den bewerben. Ich muss ja in irgendeiner Weise an Hörer:innen rankommen. Wenn diese Plattform, auf die ich vielleicht komplett setze, nicht mehr da ist, was mache ich dann? Oder wenn die plötzlich Geld dafür haben wollen? Das sind Fragen, die man sich unbedingt stellen sollte: Wovon hängt mein Geschäft ab? Diese Analyse muss man irgendwann machen. Und das beruhigt dann auch, wenn man weiß: Okay, mein Geschäft hängt von A, B und C ab, und ich bereite mich darauf vor. Ich habe einen Plan B, wenn eine von diesen Voraussetzungen irgendwann nicht mehr erfüllt sein sollte.
33:30Zusammenfassung: ein Balanceakt
Sebastian Esser: Okay, lass uns noch mal ganz kurz, eine Minute lang oder so, zusammenfassen, was du uns heute erzählt hast. Was ich zuerst gehört habe: es nicht allein durchhalten. Sich ein Netzwerk suchen, Mitgründer, Gleichgesinnte, die einem auch helfen. Einen Ausgleich und sozusagen ein zweites Projekt unterhalten. Durchhalten heißt auch Pausen machen, reflektieren, sich unterwegs nicht ausbrennen, was, glaube ich, alle beschäftigt. Was zu dieser Persistenz und Konsistenz dazukommt: sich Gedanken über die großen Dinge zu machen. Zum einen die große Vision, aber eben auch die großen Gefahren. Damit, wenn man sich mit so etwas, das auch angsteinflößend ist, ganz konkret konfrontiert, diese Angst ein Stück weit zurückgehen kann. Und dann hast du am Anfang aber auch gesagt: Am Ende läuft es auf das Anfangen hinaus. Einfach loslegen und all das ignorieren, was, wenn man es vorher schon wüsste, dazu führen würde, dass man nie anfängt. Am Ende führt kein Weg daran vorbei. Habe ich noch etwas vergessen?
Gabriel Yoran: Ich glaube nicht. Es ist ein Balanceakt, das muss einem bewusst sein. Auf der einen Seite muss man der festen Überzeugung sein, dass das, was man da macht, wertvoll und wichtig ist, und auch wissen, warum das so ist. Auf der anderen Seite muss man immer seinen kleinen Kritiker oder seine kleine Kritikerin im Hinterkopf haben, die sagt: Das hängt alles an X, Y, Z, und das könnte nächstes Jahr anders sein, die Rahmenbedingungen könnten anders sein, und dann muss man sich anpassen. Aber so ist das halt. Man hat sich die Dinge schön eingerichtet, und dann ändert sich die Welt drumherum. Das müssen nicht mal große Kriege sein. Es kann auch sein, dass irgendein Wettbewerber auftaucht, der ein ähnliches oder besseres Produkt macht. Es ist ein dauerhaftes Auf und Ab, darauf muss man sich einstellen.
Gabriel Yoran: Wenn man weiß, wie man selbst darauf reagiert, kann man dieses Auf und Ab auch bewusst für sich nutzen. Also nicht glauben, es muss immer bergauf gehen, es muss immer alles toll sein. Solange man weiß, dass es Phasen sind, die kommen und gehen, fühlt es sich auch nicht mehr so schlimm an. Und wie gesagt: reflektieren, regelmäßig darüber nachdenken, aufschreiben und mit Personen reden, die halbwegs verständig sind und vielleicht sogar im Thema. All das hilft schon. Man muss die Probleme dann gar nicht sofort gelöst haben. Es reicht oft, sie sich bewusst gemacht und mal mit jemandem gewälzt zu haben. Dann lassen sie in ihrer existenziellen Dringlichkeit meist schon nach.
Sebastian Esser: Vielen Dank und bis zum nächsten Mal.
Gabriel Yoran: Gerne, danke.